Wenn deutscher Antisemitismus alter “Schule” loslegt, läßt er – wenig überraschend – keine Sympathien für die jüdische Demokratie erkennen. Der “Aggressions- und Apartheidsstaat Israel”, heißt es dann etwa, beitreibe “seit seiner Gründung 1948 [..] eine hochaggressive Außenpolitik, die den Frieden in der Levante ständig bedroht”.
Seit neuestem bedienen sich aber auch immer wieder bekennende “Freunde Israels” eines ähnlichen Vokabulars. Sie “kritisieren” Israel freilich nicht etwa aus Haß, sondern ausgerechnet weil sie – so erklären sie es jedenfalls – die einzige funktionierende Demokratie im Nahen Osten ganz besonders lieben.
Als Sigmar Gabriel, Vorsitzender der SPD, vor einigen Wochen nach Hebron pilgerte, glaubte er dort ein “Apartheidregime” diagnostizieren zu können. Er schrieb auf, was ihn störte:
“Ich halte die aktuelle Siedlungspolitik für falsch. Ich halte die Verhältnisse in Hebron für unwürdig.”
Und er notierte auch, was ihn zu seinen Worten motivierte:
“Beides würde mich nicht so bewegen, wenn ich nicht ein Freund Israels wäre (um mal diesen pathetischen Begriff zu wählen).”
Wäre der Sozialdemokrat kein Freund Israels, wären ihm “Siedlungspolitik” und “die Verhältnisse in Hebron” gleichgültig. Das erklärt auch anschaulich, weshalb Sigmar Gabriel sich nicht für den “Palästinenser” Muhammad Abu Shahala einsetzt, der von PA-“Sicherheitskräften” gefoltert und zum Tode verurteilt wurde, weil er mit Juden Geschäfte machte.
Und wenn Jordanien “Palästinenser” ihrer jordanischen Staatsbürgerschaft beraubt, sie also zu Staaten- und damit Rechtlosen macht, bewegt das Sigmar Gabriel nicht im geringsten. Er ist eben kein Freund Jordaniens oder von dort geborenen und (noch) lebenden “Palästinensern”, sondern seine ganze Liebe gilt ja Israel.
Als mit Matthias Platzeck ein anderer Sozialdemokrat kürzlich die Region besuchte, kam auch er als ein erklärter “Freund Israels”:
“Der 60. Jahrestag der Staatsgründung Israels war für mich Anlass, Israel gerade in diesem Jubiläumsjahr erneut zu besuchen und mit symbolischen Gesten zu zeigen, dass für Brandenburg wie für alle anderen deutschen Länder das Existenzrecht Israels konstitutiv ist.”
Seine “Freundschaft” führte den Ministerpräsidenten aus Brandenburg dann aber zu Salam Fayyad, “Ministerpräsident” der jüngst zum “Feind der Pressefreiheit” gekrönten PA. Und dem schüttete Matthias Platzeck sein Herz auf eine Weise aus, die sein Staatssender RBB mit den Worten kommentierte, er habe “auf Konfrontation” gesetzt:
“Wir haben auch nach dem Gespräch mit dem palästinensischen Ministerpräsidenten … ich selber habe sehr deutlich wesentliche Aspekte der israelischen Siedlungspolitik kritisiert.”
In Israel wollte nach diesem Freundschaftsbeweis sich kein Offizieller mehr mit Matthias Platzeck treffen, was dieser aber nicht etwa bedauerte. Vielmehr wirkte er ein wenig stolz darüber, daß sein Abstecher nach Israel auf politischer Ebene floppte.
Nachdem er sich mit “letzter Tinte” zum Sprachrohr zahlreicher Poesieliebhaber von Hamas bis P.E.N. gemacht hatte, bekannte schließlich auch Günter Grass in der Süddeutschen Zeitung, wie sehr er doch an Israel hänge: “Immer noch sehe ich mich dem Land Israel unkündbar verbunden.” Israel lud ihn darauf präventiv aus, Sigmar Gabriel, “Freund Israels”, ihn dazu ein, für die SPD in den Wahlkampf zu ziehen.
Als “Freund Israels” tritt auch Guido Westerwelle überall dort auf, wo ihm das angebracht scheint. Auf einer Veranstaltung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft betonte der deutsche Außenministerdarsteller in der vergangenen Woche in Berlin, wie sehr er Israel möge:
“Deutschlands historische Verantwortung hat kein Verfallsdatum. Wir werden nicht zusehen, wenn Israel bedroht und sein Existenzrecht in Frage gestellt wird. Wir werden unsere Stimme erheben, wenn Israel in internationalen Foren einseitig kritisiert wird. Deutschland steht fest an Israels Seite.”
Wie das in der Praxis aussieht, beschrieb die Tageszeitung Haaretz am Sonntag im Zusammenhang mit einer mittlerweile veröffentlichten dreiseitigen Einseitigkeit der Europäischen Union. Während die Niederlande, Italien und die Vereinigten Staaten sowie Israel versuchten, den Frontalangriff auf Israel wenigstens abzumildern, blieb Guido Westerwelle stumm und stützt(e) so die in der Tat bemerkenswert einseitige “Kritik”.
Ob Sigmar Gabriel, Matthias Platzeck, Günter Grass oder Guido Westerwelle – alle behaupten von sich, die allerbesten “Freunde Israels” zu sein, reden gegebenenfalls auch etwas von “historischer Verantwortung”, stellen sich dann aber gegen Israel – und zwar ausgerechnet wegen dieser “Freundschaft”, wie es besonders deutlich der eingangs zitierte SPD-Vorsitzende erklärte.
Dabei ist doch selbst dem NPD-Kader Jürgen Gansel klar, daß “man auch Juden kritisieren [..] darf”, und zwar ohne mit ihnen befreundet sein zu müssen. Er, ein bekennender Feind der jüdischen Demokratie, und sie, die falschen “Freunde Israels”, sind allesamt unangenehme Zeitgenossen. Seine Ehrlichkeit indes macht ersteren beinahe noch sympathisch.