Was Auschwitz heute bedeutet

Am Ende einer Woche, die mit dem Gedenken an das begann, was ohne Antisemitismus undenkbar wäre, klagt das Auswärtige Amt (AA), das von Wohnungen nicht sprechen will, “über neuerliche Ausschreibungen zum Bau von 450 Siedlungseinheiten an mehreren Standorten im Westjordanland sowie die Veröffentlichung von Plänen für weitere 93 Siedlungseinheiten in Ost-Jerusalem”:

“Diese Schritte erschweren weiter den Weg zu einer Zwei-Staaten-Lösung und senden vor dem Hintergrund des ausgesetzten Verhandlungsprozesses ein falsches politisches Signal.”

Als diese Woche begann, rief das Regime in Ramallah seine Untertanen dazu auf, “to embrace a far-reaching boycott of Israel”, und veranstaltete zahlreiche “Demonstrationen”, die diese Botschaft in “Palästina” verbreiten sollten. Die “regierende” Fatah war mit Plakaten vor Ort, auf denen sie ihr Logo präsentierte – es zeigt ein “Palästina” ohne Israel als Nachbarn.

Am Mittwoch griff die islamistische Hisbollah, unter den Augen auch deutscher UNIFIL-Blauhelme mittlerweile zu einer terroristischen Organisation hochgerüstet, deren Schlagkraft die mancher Armee weit übertrifft, Israel mit Mörsern und Raketen an. Bei dem Überfall werden zwei israelische Grenzsoldaten ermordet und weitere verletzt, in “Palästina” wird gefeiert.

Seit Donnerstag machen erneut Meldungen die Runde, die Hamas in Gaza bilde Kinder an Waffen aus. Rund 17.000 “Palästinenser” im Alter von 15 bis 21 Jahren absolvierten danach in dieser Woche von den Kassam-Brigaden geleitete Trainingslager. “Hamas has the right to take these generations under its wing and train and raise them”, erklärte einer ihrer Anführer.

Doch es sind – ausweislich der Website des AA – nicht von Haß auf Juden getriebene Boykott-Aufrufe des “strategischen Partners” der deutschen Sozialdemokratie, nicht Hisbollah-Angriffe auf den jüdischen Staat oder die Terrorcamps der Hamas, “die zu einer Eskalation der ohnehin angespannten Lage in der Region, insbesondere in Jerusalem und Gaza, beitragen könnten”.

Es sind “Siedlungseinheiten”, deren Bau erneut ausgeschrieben werden muß, weil frühere Ausschreibungen erfolglos verliefen. Am Montag diskutierte Bundespräsident Joachim Gauck in Berlin mit “dem Auschwitz-Überlebenden Marian Turski und Jugendlichen zu dem Thema, was Auschwitz heute bedeutet”. Was es für die deutsche Regierung bedeutet, das macht ihr AA vor.

Propagandafutter

Khawla al-Khatib blickt auf einem Photo, das AP von ihr verbreitet, den Betrachter ziemlich verärgert an. In ihren Händen hält die “Palästinenserin” ein Poster, das ihre Tochter, die 14 Jahre junge Malak, unter PLO-Flaggen zeigt. Eine Forderung steht auf dem Blatt: “Free Malak”.

Der Teenager, der ganz offenbar in seiner Freizeit gern mit Steinen nach Juden wirft, kann derzeit diesem für die Betroffenen nicht immer ungefährlichen Hobby leider nicht nachgehen, zu zwei Monaten Haft nämlich wurde Malak gerade von einem israelischen Gericht verurteilt.

alhayat130302“Together as one man with the prisoners and against the settlements”: Vom Aufruf zur Gewalt …

Das ist – zusammen mit einer Geldbuße von etwa 1.500 Dollar – eine erstaunlich niedrige Strafe für wiederholten versuchten Mord. Und kommt das Mädchen in wenigen Wochen frei, wird es erneut in einer Umgebung landen, in der es als Heldin gefeiert werden wird.

Bereits jetzt mobilisieren “Menschenrechtsaktivisten” unter der Losung “Free Malak” gegen Israel, baut das Regime in Ramallah die Gewalttäterin zum Vorbild auf. Sie signalisieren so ihre ganze Menschenverachtung, die sich freilich nicht nur gegen Juden richtet.

alhayataljadida20150128… zu Krokodilstränen: Al-Hayat Al-Jadida, Sprachrohr der PA, hat ein neues Vobild gefunden

Einmal mehr nämlich bestätigt der Fall Malak al-Khatib, daß ihre Unterstützer und die “palästinensische” Gesellschaft keine Achtung haben vor ihren Kindern. Sie ist bereit, ihre Kinder als Propaganda- und Kanonenfutter zu verheizen, je jünger, je blutiger, desto besser.

Ob es eine von ihren Eltern gegen israelische Soldaten vorgeschickte und dabei stets gefilmte Shirley Temper ist oder nun eine Malak al-Khatib – sie sind nicht Opfer israelischer Unterdrückung, einer “Besatzung”, sondern – ob in Fatahstan oder Hamastan – ihrer Eltern und von “Menschenrechtsaktivisten”.

Selbstverteidigungsverbot

Der Kommentar aus Madrid wird die Hisbollah ebenso erfreuen wie das Mullah-Regime in Teheran. Für den Tod eines im Rahmen der UNIFIL-Mission im Libanon stationierten spanischen Soldaten am Mittwoch sei “this escalation of violence” verantwortlich, “and it came from the Israeli side”, erklärte der spanische UN-Botschafter Roman Oyarzun Marchesi Reportern.

Roman Oyarzun Marchesis unverantwortlicher Vorwurf ist Ausdruck bösartiger Realitätsblindheit, was beim Blick auf die Entwicklungen der vergangenen Tage schnell deutlich wird. Vor wenigen Tagen, am 18. Januar, endete eine von “palästinensischen” Quellen so bezeichnete “Erkundungsmission” in Syrien für einige hochrangige iranische Offizielle, darunter ein General, und Hisbollah-Anführer tödlich.

Wollten die Iraner und Libanesen offenkundig Möglichkeiten für Angriffe auf Israel auskundschaften, demonstrierten israelische Streitkräfte, daß der jüdische Staat nicht gewillt ist, tatenlos solchem Treiben zuzuschauen, zumal Hisbollah-“Generalsekretär” Hassan Nasrallah kurz zuvor ein Interview genutzt hatte, mit den Errungenschaften seiner “Partei Gottes” zu prahlen:

“‘The resistance in Lebanon has everything the enemy can imagine and not imagine,’ Nasrallah told Al-Mayadeen’s Ghassan Bin Jeddo in the late-Tuesday excerpts of a long interview scheduled to be broadcasted Thursday. ‘We have weapons of all types; whatever [weapons] comes to mind,’ he added.”

Die UNIFIL, offiziell damit beauftragt, die libanesischen Streitkräfte bei der Entwaffnung der Hisbollah zu unterstützen, schwieg beredt zu diesen Aussagen. Das war – vielleicht – auch besser so. Denn der Libanon ist tatsächlich Hisbollah-Land, wie Äußerungen selbst “oppositioneller” Politiker in den Tagen nach den israelischen Einsätzen vom 18. Januar zeigen.

Weitgehende Einigkeit herrschte da, daß die Hisbollah sich rächen müsse. Sie sollte, bat man gleichwohl flehentlich, nur nicht von libanesischem Territorium aus Rache üben. “‘What happened in Qunaitra on Sunday was an attack on Syrian territory and not Lebanese territory,’ [Walid] Jumblatt said in remarks published Tuesday by local daily Al-Mustaqbal.”

Auch die Tageszeitung Daily Star diskutierte nicht die Kriegsverbrechen der Hisbollah, sondern spekulierte nachgerade genüßlich darüber, wie die islamistische Terrororganisation antworten werde: “Hezbollah’s retaliation to Israeli strike requires creativity”. Hassan Nasrallahs Bande erhörte ihre Unterstützer nicht: Vom Libanon aus griff sie am Mittwoch Israel an.

“Israeli soldiers came under attack in the northern Har Dov area near the border with Lebanon on Wednesday morning. Two were killed and 7 injured when their army vehicle was targeted by anti-tank missiles. At the same time, IDF positions in the area were hit with mortar shells.”

Und während Roman Oyarzun Marchesi sich für Spanien mit der Hisbollah verbündete, meldete sich die Regierung in Beirut, die seit Jahren ihre Verpflichtung, die Hisbollah zu entschärfen, mißachtet, mit einem bemerkenswerten Hilferuf: “Prime Minister Tammam Salam Wednesday called on the international community to restrain Israel from carrying out attacks against Lebanon”.

Deutschlandradio

Vielerorts wurde und wird in diesen Tagen an die Befreiung der letzten Überlebenden der von Deutschen zu verantwortenden organisierten Barbarei im Vernichtungslager Auschwitz erinnert. Manch deutscher Politiker, allen voran Bundespräsident Joachim Gauck, fühlte aus diesem Anlaß sich ge- und berufen, mehr oder minder gelungene Reden zu halten, zu versprechen, aus Auschwitz gelernt zu haben.

Gelegentlich wurde sogar Israel erwähnt, dem das bessergewordene Deutschland sich “besonders” verpflichtet fühle, während Umfragen die beschämende Hohlheit solcher Worte bestätigen. Und wer solchen Befragungen nicht traut und ihren Auswertungen, der mußte am Dienstagabend bloß den Deutschlandfunk einschalten, einen Staatssender, der sie alle auf seine Weise bestätigte.

Am Holocaustgedenktag, der doch hätte deutlich machen können und müssen, wie wichtig die Neugründung Israels 1948 war, wie notwendig und zugleich segensreich für das Judentum sie angesichts eines weltweit wütenden Antisemitismus’ ist, strahlte der Kölner Sender ein Feature aus, das “Israelkritikern” Raum gab, ihre antizionistischen und -semitischen Ansichten auszubreiten.

Unwidersprochen durfte da beispielsweise die arabische Knesset-Abgeordnete Haneen Zoabi die klar antisemitische Lüge von der “Judaisierung Jerusalems” vortragen, die auch durch noch so eifriges Wiederholen nicht zu Wahrheit wird. Tatsächlich sind sich sogar “Palästinenser” sicher, “that Palestinian population in Gaza, West Bank and Israel will soon outnumber the Jewish”.

Wäre Israel zehn Jahre älter, vielleicht hätte es kein Auschwitz gegeben, keinen Holocaust, an dem auch Araber beteiligt waren, die heute als “palästinensische” Nationalhelden gelten. Und ausgerechnet sieben Jahrzehnte nachdem sowjetische Soldaten Auschwitz erreichten, klagt Deutschlandradio, ganz solidarisch mit “Palästinensern”, Israel einer nicht einmal stattfindenden “Judaisierung” an.

Eine beeindruckende Leistung.

Zombies

Das Nahost-Quartett ist eine jener Institutionen, deren Mitglieder, wohlmeinende Nationen und Staatenbündnisse, seit ungefähr einer Ewigkeit versuchen, Frieden zwischen Israel und zu dessen Vernichtung entschlossenen Gangs zu stiften. Die Erfolge dieser Versuche sind überschaubar, was die Beteiligten freilich nicht dazu bringt, endlich ihr Scheitern einzugestehen.

Und so traf man sich am Montag in Brüssel, beriet unter Anwesenheit der neuen Hohen Außenbeauftragten der EU, die in früheren Zeiten, in denen Yassir Arafat eine terroristische Intifada gegen Israel orchestrierte, dessen begeisterte Anhängerin war, miteinander und beschloß eine Erklärung, die so vorhersehbar langweilig wie über alle Maßen überflüssig ist:

“The Middle East Quartet Envoys (US, Russia, UN and EU) [..] shared assessments of the political outlook for the region and prospects for reviving the Middle East Peace Process. [..]

They also underscored the urgency of improving the dire humanitarian situation in Gaza and agreed that every effort should be made to encourage the fulfilment of pledges of assistance made [..] in October last year.”

Wenn der deutsche Außenministerdarsteller Frank-Walter Steinmeier in seiner gegenwärtigen Amtszeit überhaupt einen sinnvollen Satz gesagt hat, dann war es dieser: “Gaza darf nicht mehr von der Hamas und anderen Extremisten als Waffenlager missbraucht werden.” Doch auch bis zum Nahost-Quartett hat sich diese, sollte man meinen, Binse noch nicht herumgesprochen.

Nicht einmal das Wort Krieg ist in ihrem schönen Statement zu lesen: Über Gaza könnte eine Naturkatastrophe hereingebrochen sein. Die von der Hamas gesuchte militärische Auseinandersetzung mit Israel, der Raketen- und Tunnelterror der islamistischen Bande und ihrer Unterstützer, darunter die Fatah des Regimes in Ramallah, werden nicht erwähnt.

Doch wer vor diesen Ursachen der Lage in Gaza die Augen verschließt, der macht sich – ausgerechnet am Vorabend des 70. Jahrestags der Befreiung der letzten Überlebenden des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz – zum Komplizen antisemitischen Terrors. Die Hamas experimentiert bereits mit Raketen – und die “Friedensstifter” stören mit keinem Wort sich daran.

War es seit September 2013 still geworden um das Nahost-Quartett, ist seine Wiederbelebung ein Reinfall. Während Terroristen ganz offen ihren nächsten Krieg gegen Israel vorbereiten – und damit wohl zwangsläufig weitere Zerstörungen von ihnen genutzter Infrastruktur -, klagen diese Realitätsverweigerer über schwierige Lebensumstände in Gaza und fordern – bedingungslos mehr Geld.

Wer glaubt, so dem von PLO, Fatah und Hamas beendigten “Friedensprozeß” tatsächlich neue Impulse verleihen zu können, ist irre.

Du bist Deutschland

Frank-Walter Steinmeier, der deutsche Außenministerdarsteller, hat sich im Gespräch mit BILD am Sonntag irgendwie über das Phänomen Pegida beschwert. Die selbstmandatierten Retter des deutschen Abendlands und ihre Spaziergänge würden “in vielen Ländern [..] sehr genau verfolgt”, während in Deutschland “unterschätzt” werde, “welchen Schaden [..] Pegida schon jetzt angerichtet” habe.

Das klingt allenfalls beinahe vernünftig. Nur weil “viele Länder” Pegida mit Sorge sehen könnten, muß die “Bewegung” doch nicht schlecht sein. Gewiß, krakeelt Legida, der Leipziger Ableger der Pegida, “Juden raus”, mag das in manchen Ohren furchtbar klingen. Doch anderswo, wo beispielsweise ohne Ghorfa-Zertifikat nichts geht, wird man diesen Wunsch mit Wohlwollen vernehmen, hat man ihn dort doch schon verwirklicht.

Und die Ghorfa darf immerhin für sich werben, sie kooperiere “in Deutschland [..] mit Regierungsinstitutionen auf Bundes- und Landesebene und relevanten deutschen Industrieverbanden [sic!]”. Man sollte den “Privatmann” Sigmar Gabriel daher nicht zu sehr schelten ob seiner Diskussion mit “besorgten Bürgern”. Der Antisemitismus gehört ebenso zu Deutschland wie das Bekenntnis, er habe just dort keinen Platz.

Man schätzt Deutschland mancherorts doch nicht wegen seiner Vergangenheitsbewältigung, sondern wegen seiner Vergangenheit. Wer heute beispielsweise eine “traditionelle deutsch-arabische Freundschaft” beschwört, weiß, daß diese Tradition “lediglich in der Zeit des Dritten Reiches” geprägt werden konnte, wie Yeshayahu Jelinek in seinem Buch “Deutschland und Israel 1945-1965″ herausarbeitet.

Viele Länder könnten sich von Deutschland abwenden, ließen dessen Politiker ihren Worten über Antisemitismus konsequente Taten folgen. Und so verfolgte Sigmar Gabriels “private” Mission wahrscheinlich gleich zwei Ziele: Einerseits galt es, den “Juden raus”-Rufern zu signalisieren, daß man in dieser Sache doch eigentlich einen Konsens mit den Jihadisten finden müßte. Antisemitismus sollten Antisemiten doch teilen.

Und indem er so Judenfeinde zu “besorgten Bürgern” adelte, zeigte der “Privatmann” Sigmar Gabriel zugleich einigen vielleicht besorgten Staaten, daß die deutsch-arabische Freundschaft nach so vielen fruchtbaren Jahren auch eine Zukunft hat. Diente Sigmar Gabriel, wenn er nicht gerade “privat” unterwegs ist, nicht schon Deutschland, müßte man ihn nach dieser selbstlosen “Privat”-Mission glatt zum Minister berufen oder zum Chef-Sozi.

Hamas’ Responsibility

“The Hamas movement said Saturday that the Gaza government employee crisis was a serious misstep for the national consensus government.

Hamas spokesman Sami Abu Zuhri told Ma’an that the salary crisis was the unity government’s responsibility.”

“Hamas fired several rockets from the Gaza Strip into the Mediterranean Sea on Monday. Hamas fires projectiles into the sea on a regular basis, as part of its weapons program.

The launches are used by Hamas arms designers to experiment with various projectile models. The experiments naturally are closely monitored by the IDF and defense establishment.”

Falsche Prioritäten

Am 17. März finden in Israel vorgezogene Wahlen statt, die über die Zusammensetzung der 20. Knesset bestimmen, zwei Wochen zuvor, am 3. März, wird der dann noch amtierende israelische Premierminister Benjamin Netanjahu im Kongreß in Washington erwartet, dessen beide Kammern in gemeinsamer Sitzung über seine Position zum Kernwaffenprogramm des Regimes in Teheran zu informieren.

Eingeladen wurde Benjamin Netanjahu, das scheint sicher, durch den Sprecher des Repräsentantenhauses, den Republikaner John Boehner, der dabei möglicherweise auch die Unterstützung demokratischer Politiker genoß. Da gleichwohl absehbar ist, daß der Gast aus Israel nicht für die Politik des amerikanischen Präsidenten werben wird, will sich kein Demokrat offen zu der Einladung bekennen.

Das Weiße Haus seinerseits will sich aus durchaus nachvollziehbaren Gründen nicht erklären lassen, daß es eine falsche Politik gegenüber der Islamischen Republik betreibt, und verweigert Treffen mit Benjamin Netanjahu mit der Begründung, es wolle, eine nur angeblich lange geübte Tradition, kurz vor den Wahlen in Israel einem Wahlkämpfer keine Bühne bieten.

Seit Benjamin Netanjahu jedenfalls die Einladung annahm, sind die Medien voll von Schlagzeilen, wie gespannt das Klima zwischen Jerusalem und Washington nun sei, Vorwürfe fliegen her und hin. Und das Thema, um das es gehen sollte, die Gefahr einer islamischen Bombe und die von ihr schon jetzt ausgehende Gefahr, gerät mehr und mehr in den Hintergrund. Dem Weißen Haus dürfte das nicht mißfallen.

Denn es finden eben nicht nur Republikaner oder der israelische Regierungschef, der für eine Ablehnung der Einladung aus den USA vermutlich ebenso kritisiert worden wäre wie für ihre Annahme, es verheerend, daß die Regierung der USA sich ganz offenbar mit dem iranischen Kernwaffenprogramm abgefunden hat. Mit Dennis Ross fordert nun auch ein früherer Berater Barack Hussein Obamas ein Umdenken:

“[T]he United States should consider a political warfare campaign against Tehran to complement its economic sanctions policy. The administration officials and its broadcast services should draw attention to the unsavory nature of the theocratic regime and repressive behavior. Such language will not just showcase our values but potentially inspire political dissent. A regime stressed at home and under pressure abroad may yet consider the price of its nuclear intransigence.”

Sich statt dessen auf dem Niveau bunter Boulevardblätter um relative Nebensächlichkeiten zu zanken, das mag einigen Unterhaltungswert haben. Doch der sollte nicht im Vordergrund stehen. Ist das Weiße Haus von seiner Strategie überzeugt, sollte ihm zu ihrer Verteidigung mehr einfallen als verbale Attacken auf Benjamin Netanjahu. Wird letzterer schärfer angegriffen als das Regime der Mullahs, stimmt etwas nicht.

1984

In der traurigen Welt, die George Orwell in seinem Roman 1984 schildert, sind die Untertanen des totalitären Regimes Ozeaniens nachgerade abgerichtet, ihre Wut und ihren Haß auf Immanuel Goldstein zu lenken, der in der Dauerpropaganda stets als Feindbild präsent ist.

Selbst Nachdenkliche, die ihre Mechanismen zu durchschauen und zu hinterfragen beginnen, können sich der Wirkung der permanenten Gehirnwäsche nicht entziehen: “[D]er Anblick oder auch nur der Gedanke an Goldstein [weckten] schon automatisch Angst und Zorn”.

Regelmäßig werden die Menschen in Ozeanien vor Televisoren versammelt, auf denen ihnen das Gesicht des Feindes gezeigt wird. “Da und dort im Zuschauerraum wurde gezischt. Die kleine aschblonde Frau stieß ein aus Furcht und Abscheu gemischtes Quieken hervor”:

“Ehe die Haßovation dreißig Sekunden gedauert hatte, brachen von den Lippen der Hälfte der im Raum versammelten Menschen unbeherrschte Wutschreie.”

In Leipzig, wo sich in dieser Woche ganz freiwillig zahlreiche selbsternannte Retter des deutschen Abendlands versammelt hatten, um etwa einem Jürgen Elsässer zu lauschen, waren Szenen totalitärer Manipulation und Disziplinierung zu beobachten, die an 1984 erinnerten.

Kaum erwähnte der einst für linke Zeitschriften schreibende Publizist in seiner Rede den Namen Michel Friedman, kannten die “Ihr seid das Volk”-Abendländer kein Halten mehr. Mindestens so laut wie ihre “Ami go home”-Rufe war da ihr Haß auf den Anwalt und Moderator zu hören.

Hätte der ehemalige Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses sich in diesen gespenstischen Minuten in der Nähe der Legida-“Demonstration” aufgehalten, hätten hoffentlich anwesende Sicherheitskräfte sein Leben vermutlich nur unter dem Einsatz von Schußwaffen bewahren können.

Man muß Jürgen Elsässer dankbar sein für diesen einen Auftritt in Leipzig. Mit seiner rhetorisch gewiß gelungenen Rede ist es ihm gelungen, die ganze Erbärmlichkeit seines Publikums, seines “Volks”, vorzuführen. Man gebe ihnen ein Stichwort – und prompt fällt jede Individualität von ihnen ab.

Was sich da versammelt, kann sich freilich nicht mit Ahnungslosigkeit herausreden oder Dummheit. Wer gegen einen “Kriegsschuldkult” aufmarschiert, weiß ziemlich genau, worum es geht. Pegida, Legida und wie sie sonst noch heißen mögen – es ist nichts gut an diesen totalitären Chauvinisten.

Und wer SPD-Vorsitzender und Vizekanzler ist und – “privat”, wie originell – das Gespräch sucht mit solchen Gestalten, sie auch noch zu “besorgten Bürgern” hochstapelt, der ist Teil des Problems, gewiß aber nicht seiner Lösung.

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