Tag: 8. April 2017

Blutsverwandte

In Deutschland, das doch so stolz ist auf seine Vergangenheitsbewältigung, will man wenig wissen über Syrien. Daß dort etwas geschieht, das auch »uns« betrifft, wird zwar niemand leugnen, doch für die traurige Lage dort gelten andere Akteure als verantwortlich, vorzugsweise Amerika, was wohl am Einfluß liegt, den Gestalten wie Peter Scholl-Latour oder Michael Lüders hatten oder haben.

Vergleichsweise gering scheint jedenfalls die Erinnerung an eine deutsch-arabische Freundschaft, deren beste Tage noch gar nicht lange vergangen sind. Oder sollte man den Besuch Hafez al-Assads in der DDR im Oktober 1978 besser ebenso schnell wieder vergessen wie Erich Honeckers Visite in Syrien vier Jahre später? Kann man über diese peinlichen Ereignisse einfach hinweggehen?

Besonders der zweite dieser Besuche, die viertägige Reise Erich Honeckers nach Syrien im Oktober 1982, wirft ein entlarvendes Schlaglicht auf ein untergegangenes Deutschland, dem mancherorts bis heute nachgetrauert wird. Der Regierungschef der DDR dürfte von der Gastfreundschaft Hafez al-Assads begeistert gewesen sein, des 2000 in Damaskus verstorbenen Vaters von Bashar al-Assad.

Das Neue Deutschland berichtete auf seinem Titel vom 13. Oktober von einer Visiste Erich Honeckers bei »Kämpfern« eines syrischen Jagdfliegerregiments, das sich im »Kampf gegen die Kriegspolitik des Imperialismus und Zionismus« bewährt habe. Die Soldaten und Offiziere hätten ihren Gast voller Wärme und Herzlichkeit empfangen, Ehrenbanner seien ausgetauscht worden.

Übertroffen wurde dieser Besuch, der von dem engen Verhältnis zwischen DDR und Syrien zeugt, vielleicht noch von jenem Heinz Hoffmanns einige Monate später: Der Verteidigungsminister der DDR versicherte seinen Gastgebern noch einmal die enge Verbundenheit zwischen Syrern und (Ost-)Deutschen im »Kampf gegen Zionismus und Imperialismus und die USA und die NATO«.

Und Hafez al-Assad revanchierte sich, indem er Erich Honecker seinen »besten Freund« nannte, mit dem ihn »fast eine Blutsverwandtschaft verbinde«. Die Botschaft der DDR in Damaskus gab aus Anlaß Heinz Hoffmanns Besuch einen Empfang für Mustafa Tlass, dessen syrischen Amtskollegen. Mustafa Tlass war allerdings mehr als nur Minister – er machte sich auch einen Namen als Autor.

Angetan hatte es ihm die Ritualmordlegende um eine Gruppe von Juden, die 1840 in Damaskus einen Priester ermordet haben sollen, um in dessen Blut das traditionelle Matzenbrot für Pessach zuzubereiten. Der Neuaufguß des antisemitischen Klassikers wurde im gleichen Jahr veröffentlicht, in dem der »Kommunist« Heinz Hoffmann dessen Autor als seinen »Kameraden Tlass« feierte.

Es gibt (noch?) keine Belege dafür, daß der Besucher aus der DDR das schriftstellerische Wirken seines »Kameraden« kannte oder gar schätzte. Da DDR und Syrien der Haß auf Judentum und Israel einte, stand es der antiimperialistischen Freundschaft aber sicherlich nicht im Wege. Und daher verdiente die »Beinahe-Blutsverwandtschaft« doch noch deutlich mehr Aufmerksamkeit.

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