Tag: 8. Mai 2017

Definiert

Seit ein paar Tagen hat Österreich etwas, das es anderswo, beispielsweise in Deutschland, in dieser Form nicht oder noch nicht gibt: eine »offizielle« Ahnung vom Antisemitismus. Vor zwei Wochen übernahm die Regierung in Wien die Arbeitsdefinition Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) und kann damit nun einschätzen, was antisemitisch ist und was nicht.

Auch wenn man meinen sollte, es sei in den allermeisten Fällen selbst für interessierte Laien kein Problem, Antisemitismus zu entlarven, scheint das oft und im Detail nicht möglich. So wurde in Deutschland rechtskräftig entschieden, daß eine Brandstiftung an einer Synagoge als eine Kritik an israelischer Politik verstanden werden könne und daher nicht antisemitisch motiviert sein müsse.

Mit der Arbeitsdefinition Antisemitismus, die die IHRA ihrerseits vor zwölf Monaten in Anlehnung an ein ungeliebtes Papier des European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia (EUMC) annahm, sollten solche Fälle der Vergangenheit angehören, wenngleich der Praxistest noch aussteht. Umstritten ist an der Definition, daß sie unter Umständen auch »Israelkritik« antisemitisch nennt.

Freilich ist überbordende »Kritik« an Israel und der Regierung in Jerusalem wohl die »modernste« Ausdrucksform des Antisemitismus, so daß es überfällig war und ist, darauf zu reagieren. Wien hat einen ersten Schritt in die richtige Richtung unternommen. Erhofft die österreichische Regierung sich davon eine »innerstaatliche und internationale Signalwirkung«, ist ihr nur Erfolg zu wünschen.

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