Akzeptabler Antisemitismus?

Nach einem kurzen Besuch in Frankreich wird der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu in dieser Woche zu einer Visite in Ungarn erwartet. Der Likud-Politiker ist der erste Chef einer israelischen Regierung, der seit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 das Land besucht. 1967 hatte Budapest die Beziehungen zu Jerusalem abgebrochen und erst 1989 wieder vollständig reaktiviert.

Leider allerdings besucht Benjamin Netanjahu mit seiner Reise ein Land, dessen Regierung nicht nur mit demokratischen Grundsätzen hadert, sondern immer wieder durch Kampagnen auffällt, die sich antisemitischer Ressentiments bedienen, um vermeintliche Feinde Ungarns zu denunzieren: In Budapest dürften Benjamin Netanjahu noch immer Poster begegnen, die vor George Soros warnen.

Der aus Ungarn stammende amerikanische Investor unterstützt mit großzügigen Spenden zahlreiche NGO in aller Welt, darunter auch in Israel und Ungarn, deren politische Ansichten nicht unbedingt mit denen der dortigen Regierungen übereinstimmen. In Ungarn unterstützt der Philantrop zudem die CEU, die Central Europe University, die der Führung des Landes ein ganz besonderes Ärgernis scheint.

Die Kampagne der von Ministerpräsident Viktor Orbán geführten Regierung gegen George Soros wird von der jüdischen Gemeinde Ungarns mit einiger Besorgnis gesehen, die vor dem Hintergrund einer ohnehin zweifelhaften Aufarbeitung der Vergangenheit Ungarns als ein Partner Deutschlands bei der Verfolgung und der versuchten Auslöschung des europäischen Judentums berechtigt wirkt.

Es ist daher mehr als bedauerlich, daß Benjamin Netanjahu signalisiert, der von der Regierung in Budapest verbreitete Antisemitismus sei letztlich hinnehmbar, zumal seine Gastgeber es offenbar nicht einmal schaffen, ihr ursprüngliches Versprechen einzulösen, wenigstens während seiner Visite ihre Hetze gegen George Soros einzustellen. Benjamin Netanjahu verspielt einige Glaubwürdigkeit.

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