Clemens Heni: Ägyptische Träume – arabischer Judenhass im Spätsommer, zehn Jahre nach 9/11

Martin Kloke sieht es als „Philosemitismus“ an, wenn man die Gleichsetzung von Henryk M. Broders Buch „Der ewige Antisemit“ mit dem Nazi-Film „Der ewige Jude“ kritisiert und betont, wie beachtlich es ist, dass mit Werner Bergmann ein staatlich bezahlter Forscher in Deutschland gerade einen Juden dermaßen diffamierte. Den Vorwurf des „Philosemitismus“ bringt Kloke in einem Text auf der Internetseite Achse des Guten, der so niveaulos, unwissenschaftlich, mit Unkorrektheiten gespickt und auch perfide ist, dass es so anmutet, als ob Achgut jetzt dazu übergeht, die eigenen Totengräber zu publizieren.

Ein autoritärer Charakter zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass Mann nach oben buckelt und nach unten tritt. Kloke z.B. wehrt substantielle Kritik an Wolfgang Benz, Werner Bergmann, Wilhelm Heitmeyer und dem ZfA ebenso ab, wie er die deutsche Islamforschung insgesamt in Schutz nimmt und die Kritik in meinem Buch Schadenfreude. Islamforschung und Antisemitismus in Deutschland nach 9/11 als „eifernden Anti-Antisemitismus“ mit „Antisemiten“ auf eine Stufe stellt. Mit beiden Gruppen „diskutiert man nicht“.

Das ist eine der unrichtigen Darstellungen des Angestellten des Cornelsen Schulbuchverlages, da in dem Buch z.B. zitiert wird, wie das ZfA und Benz mit einem Antisemiten der NPD auf einer Sommeruni zu Antisemitismus am ZfA diskutierten und den NPD-Kader vor Kritik von Antifaschisten explizit in Schutz nahm (S. 221f.). Mit Antisemiten diskutiert das ZfA gerne, das zeigt sich auch in einem Interview des damaligen Leiters des ZfA Benz mit der pro-iranischen, islamistischen und seit Jahren zum Israel-Boykott aufrufenden Hetzseite Muslim-Markt vom 1. November 2010 (siehe S. 241 sowie das ganze Kapitel 5.4 in der Studie).

Doch Kloke sagt auch über den „Verlag Edition Critic“ nicht die Wahrheit. Obwohl der Verfasser Kloke persönlich vor Wochen auf einem privaten Treffen darauf hingewiesen hat, dass es sich um eine Verlagsneugründung handelt, und der Verlag auch neue Autoren suche bzw. schon Projekte in Planung habe, was man seit Wochen auch auf der Verlagshomepage unschwer nachlesen kann (http://www.editioncritic.de/uber/ „Der Verlag Edition Critic ist ein neuer Kleinverlag aus Berlin. Wenn Sie Ideen für ein Buchprojekt haben, kontaktieren Sie uns!“), spricht er von einem „Selbstverlag“. Dem müsste man ggf. juristisch nachgehen, denn der Verlagsmitarbeiter Kloke möchte den neuen Kleinverlag bewusst und gezielt negieren und als „Selbstverlag“ diminuieren bzw. aus der Verlagswelt werfen.

Kritik zu üben, ist elementarer Bestandteil von Demokratie, nicht jedoch falsche Behauptungen zu verbreiten und den Leserinnen und Lesern noch nicht einmal eine Inhaltsangabe des über 400 Seiten dicken Werkes zu liefern.

In sieben Kapiteln werden in „Schadenfreude“ Aspekte deutscher Islamforschung (und auch Nahost- und Antisemitismusforschung) nach dem 11. September 2001 analysiert. Ein empirischer Schwerpunkt ist die Zeitschrift „Die Welt des Islams“, von deren 28 Heften mit 109 wissenschaftlichen Artikeln, drei Miszellen, einem „Dokument“ sowie einem „Viewpoint“ seit Ende 2001 bis 2010 eine Auswahl von 18 Artikeln und dem Viewpoint getroffen wurde. Kloke fantasiert, dass die Auswahl beliebig sei (in Wirklichkeit ist sie sehr spezifisch), wichtige Literatur gar nicht zu Rate gezogen worden sei, ohne zu sagen, was denn fehlen würde („Daraus erklärt sich auch das auf den ersten Blick beliebig anmutende Literatur- und Quellenverzeichnis, das trotz seines beträchtlichen Umfangs auf wesentliche und konstituierende Studien zu Islamismus und Antisemitismus verzichtet“, so der Achgut-Gastautor).

Drei der international bekanntesten Islam-, Nahost- und Antisemitismusforscher sind entweder direkt an dem Buchprojekt beteiligt oder werden ausführlich zitiert: Dr. Daniel Pipes, Prof. Dr. Wolfgang G. Schwanitz und Prof. Dr. Robert S. Wistrich. Nun muss ein deutscher Angestellter, der vor über 20 Jahren einmal promovierte, diese sehr bedeutenden Forscher und ihre Schriften (vieles auf Englisch) nicht unbedingt kennen; doch anzudeuten, wesentliche wissenschaftliche Literatur zu den Themen Islamismus und Antisemitismus sei nicht zur Kenntnis genommen worden, ist beachtlich.
Alleine aus einem der umfangreichsten Bücher zu Antisemitismus und Islamismus überhaupt, der über 1100 Seiten dicken Studie „Lethal Obsession“ von Robert Wistrich aus dem Jahr 2010 werden viele Stellen zitiert.

Wer sich angesichts des tobenden Antisemitismus in Ägypten, in der Türkei oder im Iran über islamische Antisemiten, arabischen Antisemitismus und deren Rezeption in der deutschen Islamforschung nach 9/11 seriös informieren möchte, könnte zu meinem Buch greifen und sich die Quellen anschauen (über 1100 Fußnoten, über 35 Seiten Literaturverzeichnis, viel Literatur aus dem Englischen wurde der Lesbarkeit halber ins Deutsche übersetzt).

Wer etwas wissen möchte über Yusuf al-Qaradawi, der so „moderat“ ist, dass er auch Frauen und Mädchen suicide bombing gegen Juden in Israel per Fatwa erlaubt, oder über die Todesliebe des Gründers der Muslimbrüder im Jahr 1928, Hasan al-Banna, seine deutschen Freundinnen in der Forschung wie die führende deutsche Islamwissenschaftlerin an der FU Berlin, Gudrun Krämer, oder wer wissen möchte, wie deutsche Islam- und Nahostforscher die kritischen Untersuchungen zum Antisemitismus im Nahen Osten und bei den Arabern von Martin Cüppers, Klaus-Michael Mallmann, Matthias Küntzel oder auch Bassam Tibi diffamieren, könnte ebenso zu diesem Buch greifen und lesen.

Doch lesen kann Kloke offenbar nicht sonderlich gut, sonst hätte er in dem Buch entdeckt – entgegen seinen eigenwilligen Deutungen – dass Bassam Tibi erstens in Schutz genommen wird vor vielen deutschen (und österreichischen) Nahost- und Islamforschern. Darüber hinaus hätte er lesen können, dass Tibi in dem Buch jedoch auch kritisiert wird, und zwar unter anderem wegen seiner Nähe zum Guru des Postorientalismus und Postkolonialismus, Edward Said, der für die antisemitische Rede von den Muslimen als den ‚neuen Juden‘ stand. Ebenso ist Tibi zu kritisieren wegen seiner merkwürdigen Positionierung zugunsten von Maxime Rodinson und dessen ‚Israelkritik‘, dabei war Rodinson ein „Jew against Zion“, wie ich Wistrich zitiere.

In dem Buch „Schadenfreude. Islamforschung und Antisemitismus in Deutschland nach 9/11“ geht es auch um die Geschichte der deutsch-islamischen Beziehungen. So war Kaiser Wilhelm II. im Ersten Weltkrieg 1914 daran beteiligt, dass der Heilige Krieg vom Osmanischen Reich gegen die Engländer, Franzosen und Russen ausgerufen wurde. Später kooperierte bekanntlich der Mufti von Jerusalem, Muhammad Amin al-Husaini mit den Nazis und wurde dafür nie zur Rechenschaft gezogen, obwohl Jugoslawien ihn als Kriegsverbrecher suchte. Den Alliierten war das egal, die Amerikaner und natürlich die Deutschen nach 1945 kooperierten mit den Ex-Nazis und Ex-SS-Imamen und halfen, den Islamismus in Westeuropa und der Bundesrepublik zu etablieren.

Necla Kelek spielt in meiner Studie eine prominente Rolle als Islamkritikerin und feministische Soziologin, die das „Verstehen-Wollen“ und das kulturrelativistische Eingehen auf den Islamismus so fundiert wie scharf analysiert und kritisiert. Ihre Analyse des Kopftuches ist wegweisend.

Von all dem erfahren die Leserin und der Leser in der Agitation von Martin Kloke rein gar nichts. Das Bittere ist, dass jemand wie Henryk M. Broder in dem Buch immer wieder zitiert wird mit kritischen Analysen (von 1976, 1980, aber auch aktuelle von 2011) und Achgut nun einen solch primitiven Verriss des Buches publiziert.

Wer jedoch des „Philosemitismus“ geziehen wird in einer Welt voll von Antisemiten – von der Partei Die Linke über die Muslimbruderschaft, die AKP-Regierung der Türkei, über das Mullah-Regime in Teheran, vom schiitischen Antisemiten Ahmadinedschad zu der sunnitischen ägyptischen Jugend des ‚arabischen Frühlings‘, der umgehend zu einem Sommer des Judenhasses wurde, und schließlich hin zu al-Qaradawi, der im Frühjahr 2011 erstmals wieder seit Jahrzehnten in Kairo öffentlich auftrat und zum Marsch auf Jerusalem aufrief – mag nur noch den Kopf schütteln und sich an ein bekanntes Zitat von Albert Einstein erinnern, das aus gutem Grund als Prolog zum sechsten Kapitel des Buches steht.

Wir haben jetzt den zehnten Jahrestag des islamistisch motivierten Massenmordes vom 11. September. 9/11 und die Publikationen, Statements und propagierten Ideologeme führender deutscher Islam-, Nahost- und Antisemitismusforscher waren der Anlass das Buch „Schadenfreude“ zu schreiben. Doch gleich die erste publizierte Besprechung in Deutschland entpuppt sich als realitätsgestörte Wortmeldung eines Verharmlosers und Umarmers deutscher Forscher, die allzu häufig Islamismus, Jihad, Scharia, Antizionismus und Antisemitismus, Israelhass und Antiamerikanismus klein reden, leugnen oder umarmen und fördern. Insofern passt Kloke zu Deutschland am zehnten Jahrestag von 9/11. Ein Land im geistigen Amoklauf.

Clemens Heni
Schadenfreude. Islamforschung und Antisemitismus in Deutschland nach 9/11
Berlin: Edition Critic, 2011
416 S.  16 cm x 24 cm Broschur
19,90 € (D) ISBN 978-3-9814548-0-2
http://www.editioncritic.de/

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