Clemens Heni: Warum der Herausgeber der WELT keine Frau ist

Warum der Herausgeber der WELT keine Frau ist
Über Schimpansen, Menschen, Schach, Krieg und Martin van Creveld

von Clemens Heni

Leider hat die offenbar selbst gern Frauen verachtende Redaktion der Tageszeitung Die WELT nun die so peinliche wie skandalöse Vorlesung des „israelischen Militärhistorikers“ Martin van Creveld (Jg. 1946) publiziert; natürlich unkommentiert vom Perlentaucher angekündigt, der ja sonst mit Kommentaren zu Texten nicht spart.

Wer also wissen möchte, was (trotz der häufig nicht unproblematischen Redeweise von Philosemitismus) philosemitischer Antisemitismus ist, schaue in die WELT von heute. Dort wird ein rechtsextremer, frauenverachtender, anthropologisierender „Militärhistoriker“, der völlig zu Recht seine Gastprofessor an der Uni Trier verlor, als armer Israeli vorgestellt, der angeblich DESHALB entlassen wurde. Welcher Redakteur oder andere Verantwortliche bei der WELT hat diesen unsagbar dummen, widerlichen Text vorgeschlagen?

Die Welt online 02.11.2011

Der Biologismus, Sexismus und die Anthropologisierung bei van Creveld sind unübersehbar und scheinen die WELT geradezu anzuziehen:

„Da dieser Geschlechterunterschied auch für Schach – das Kriegsspiel par excellence – und Computerspiele gilt, hat er offensichtlich nichts mit den körperlichen Fähigkeiten zu tun. (In der Vergangenheit sind verschiedentlich Versuche fehlgeschlagen, Frauen für das Schachspiel zu begeistern.) Da der Verhaltensunterschied auch bei den anderen Primaten beobachtet wird, insbesondere bei unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, dürfte er wahrscheinlich dennoch biologische Wurzeln haben.“

Zur Übertragung tierischer Verhaltensweisen auf jene von Menschen hat auch der Rechtsextremist und wichtigste Vordenker der Neuen Rechten, Henning Eichberg, gearbeitet, worauf ich in meiner Dissertation über die „Salonfähigkeit der Neuen Rechten“ 2007 hinwies. Wie salonfähig rechtsextremes Denken ist, zeigt die unkommentierte Publikation des Trierer Vortrages van Crevelds durch die WELT.

Die „biologische Verhaltensforschung“, die wie van Creveld Frauen mit weiblichen (und Männer mit männlichen) Schimpansen vergleicht, geht u.a. auf das NSDAP-Mitglied Konrad Lorenz zurück, der einige Berühmtheit erlangt hat, zumal in Deutschland. Dessen „Triebtheorie“ ist ein Kernbestandteil der Neuen Rechten insbesondere seit den 1970er Jahren in der Bundesrepublik. Der Nobelpreisträger Konrad Lorenz hat sechs von der Natur den Menschen wie den Tieren eingepflanzte Triebe lokalisiert: „Territorialtrieb“, „Dominanztrieb“, „Besitztrieb“, „Aggressionstrieb“, „Sozietätstrieb“ und den „Sexualtrieb“.

Wer noch im Jahr 2011 von den „biologischen Wurzeln“ von Krieg und Gesellschaft redet, ist nicht nur als Wissenschaftler untragbar, auch als öffentlich auftretender Agitator hat ein van Creveld somit schärfste Kritik verdient.

Bereits 1974 hat z.B. der Publizist Wolfgang Schmidbauer die Herleitung eines „Besitzinstinktes“, wie er Teil der Argumentation der biologistischen „Humanethologie“ (Ethologie = biologische Verhaltensforschung) ist, analysiert. Die Absurdität zeigte sich darin, dass solche „Humanethologen“ den „Besitzinstinkt“ bei „Waldspitzmäusen, Mauswiesel, Berglemmingen, Feldmäusen und Wildkaninchen“ bestätigt sahen und daraus Schlussfolgerungen über menschlichen „Besitzinstinkt“ ableiteten.

Ähnlich läuft es bei dem Vergleich van Crevelds von Schimpansen und Menschen, bei denen jeweils die ‚Männchen‘ Krieg und Schach spielten, die ‚Weibchen‘ hingegen nicht. Zum Glück gab es wenigstens Einige in Trier, die diese so unwissenschaftlichen wie den Verstand beleidigenden Thesen nicht einfach so goutierten.

Für van Creveld ist die ‚Geilheit‘ von Frauen, mit kriegerischen Männern Sex zu haben, eine, womöglich DIE Quelle für Krieg schlechthin:

„Und die Frauen lassen sich imponieren. Oft schauen sie den Männern zu, stacheln sie an, ermuntern sie, trösten sie, beten sie and [sic!] und betteln darum, mit ihnen Sex haben zu dürfen. Dies ist eine so offenkundige Wahrheit, dass es ohne diese Symbiose zwischen den Geschlechtern vermutlich keine Kriegsspiele geben würde – und, wenn man bedenkt, dass Kriegsspiele nicht nur vom echten Krieg unterschieden sind, sondern ihn auch spiegeln – vielleicht auch keinen Krieg.“

Es sind also nicht die Attacken (und der Raketenbeschuss, die Tötung oder Verschleppung/Entführung israelischer Soldaten) sowie die Vernichtungsdrohungen der Hamas, des Iran oder der Hezballah, um diese naheliegenden Beispiele zu nennen, die zu Krieg führten (wie 2006 und 2008/2009) und führen, nein: die Fantasie, Frauen ließen sich von Männern imponieren, die Krieg ’spielen‘, führte zu Krieg.

Das ist so reaktionäres, antifeministisches und frauenverachtendes Geschwätz, dass es skandalös aber offenbar typisch ist, dass die WELT solch einen primitiven Text nicht nur publiziert, sondern den Autor auch noch als „israelischen Militärhistoriker“ vorstellt, der von der Trierer Universität vorzeitig seine Gastprofessur entzogen bekam.

Auch die im Vorfeld bekannten rechtsextremen Positionierungen des Autors machen die ganze Affaire zu einem Skandal der Uni Trier, die ja vorab wissen musste, was für einen mit deutschen Rechtsextremisten kooperierenden ‚Forscher‘ sie als Gastprofessor engagierte.

Selbst eine Wikipedia-Quelle kann zum Nachdenken führen, offenbar aber nicht vorab bei der Uni Trier und nicht einmal heute bei Perlentaucher oder der WELT:

„In Deutschland ist van Creveld vor allem bekannt geworden durch seine umfassende Arbeit über die deutsche Wehrmacht, deren Kampfkraft und innere Geschlossenheit er – ohne sie moralisch zu beurteilen – als im Vergleich zu den anderen Streitkräften des Zweiten Weltkriegs überlegen einstuft.“

Vielleicht möchte die WELT (ganz raffiniert) suggerieren, israelische Forscher seien grundsätzlich Trottel, dann argumentiert sie antisemitisch.

Vielleicht (und wahrscheinlicher) möchte die WELT suggerieren, israelische Militärhistoriker seien prima und damit generiert das Springer-Blatt eine Form der philosemitischen Judenfeindschaft, denn vermutlich hätte der gleiche frauenverachtende, biologistische Vortrag aus der Feder eines neuseeländischen Forschers es kaum in die WELT geschafft.

Der Forscher wird also auch von der WELT nicht als ein reaktionärer, problematischer Mann kritisiert, vielmehr wird ihm besondere Beachtung geschenkt, und er wird als israelisch vorgestellt. Damit möchte die WELT ganz offensichtlich so tun, als seien die Uni Trier und dortige kritische Studentinnen und Studenten antiisraelisch.

Viel dümmlicher und absurder kann man nicht argumentieren.

Doch das ist Deutschland, ein Land des unbegrenzten Schwachsinns, nicht nur in der jungen Welt oder dem Neuen Deutschland und der taz …

Schließlich passt es in unsere heutige Zeit, dass auch die WELT gar nicht mitbekommen hat, dass van Creveld Israel auffordert, auch unilateral die Westbank zu verlassen (Stichwort: ‚judenfreies‘ Palästina), da bereits der Rückzug aus Gaza ein riesiger Erfolg gewesen sei (was man ja an den tausenden Raketen und an den Morden seither sieht, wie dem Mord an einem Israeli durch eine von Gaza aus abgefeuerte Rakete vor wenigen Tagen).

Wenn Israel dem Vorschlag van Crevelds nicht Folge leistet, müssten sich seine Kinder, für die der patriarchale Oberlehrer natürlich am liebsten selbst spricht, sich überlegen, ob Israel noch ihr Land ist. Die extreme Rechte wie die Junge Freiheit (oder wahlweise auch die ach-so-bürgerliche WELT) jedenfalls halten dem „Militärhistoriker“ ein Plätzchen warm in ihren Redaktionsräumen.

Was lernen wir aus dieser Geschichte? Nicht jede Kritik an einem Israeli oder jeder Rauswurf eines Israeli von einer Uni ist antisemitisch. Im Gegenteil: van Creveld wurde von den Trierer Studierenden und der dortigen Unileitung (die gleichwohl so uninformiert oder erstmal begeistert von van Creveld war, dass es überhaupt zu der Gastprofessur kam) ganz offensichtlich eher als höchst problematischer, reaktionärer, frauenverachtender, anthropologisierender und Krieg zur Konstante stilisierender Forscher denn als Israeli hinauskatapultiert.

Dass die WELT van Creveld gleichwohl als israelisches Opfer böser, verbissener, feministischer oder einfach nur: kritischer Studierender anpreist, zeigt die Niveaulosigkeit noch einer der ganz wenigen sich selbst als eher pro-israelisch vorstellenden allzu deutschen Tageszeitung. Auch sie macht auf gleichsam umgekehrte Weise mit beim Spiel mit dem „doppelten Standard“ für Israel und die Juden.

Für die WELT ist ein noch so problematischer, selbst eher anti-israelischer israelischer Forscher ein Opfer des Antisemitismus. Damit behandelt die WELT van Creveld gerade nicht wie jeden anderen frauenverachtenden, rechtsextremen, biologistisch argumentierenden Forscher aus Peru, Irland, Deutschland, Mali, England oder Indonesien. Denn der Rauswurf eines Gastprofessors aus Mali, der die selbe katastrophale Rede an der Uni Trier gehalten hätte, hätte nicht als Beispiel für anti-malisches Verhalten herhalten können, da es bezüglich Mali kaum einen so offenkundigen doppelten Standard gibt wie für Israel und die Juden.

Kurzer Rede langer Sinn: ein biologistischer, antifeministischer, Krieg triebhaft und nicht historisch-politisch-gesellschaftlich verortender Wissenschaftler ist als solcher zu kritisieren und nicht als „israelischer Militärhistoriker“ zum Opfer zu stilisieren.

Antisemitismus (auch im positiven Gewand) beginnt da, wo Juden anders behandelt werden als alle andere Menschen.

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