Clemens Heni: Frauen und Schach – über männliche Ideologen bei der WELT

Frauen und Schach – über männliche Ideologen bei der WELT

von Clemens Heni

Die Tageszeitung Die WELT hat am 2. November 2011 morgens kurz nach halb sieben Uhr einen Text des Militärhistorikers Martin van Creveld online publiziert. Van Creveld wurde vor wenigen Tagen einer Gastprofessur an der Universität Trier enthoben, da ein Vortrag von ihm so frauenfeindlich und Frauen verachtend sowie biologistisch und den Krieg anthropologisierend war, dass dies eine notwendige Maßnahme war. Schlimm genug, dass dieser Mann überhaupt nach Trier eingeladen und auch noch bezahlt wurde.

Für die Publikation des skandalösen Textes von van Creveld ist offenbar u.a. der WELT-Autor Alan Posener verantwortlich, der sich heute mächtig ins Zeug wirft für den Frauenverachter (der arme van Creveld sei eine „Persona non grata“).

Die WELT überschrieb ihren Text am Morgen wie folgt:

„Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner schaut hin“

Darunter:

„Kampf der Geschlechter: Wegen dieser Vorlesung entließ die Trierer Universität den israelischen Militärhistoriker Martin van Creveld“.

Fünf Stunden und mehrere Adrenalinschübe später ergänzte die Zeitung den Beitrag um einen Vorspann, in dem sie den Historiker vehement verteidigt. Der Titel heißt nun:

„Wenn Männer sich schlagen, erregt das die Frauen. Kampfspiele und Geschlechterkampf: Wegen dieser Vorlesung entließ die Trierer Universität den renommierten israelischen Militärhistoriker“.

Na das ist doch mal ein echter Schenkelklopfer für Männer aller Altersklassen, was sich auch in den Kommentaren bei WeltOnline widerspiegelt: Männergewalt und Krieg als sexuelle Stimulans für Frauen, die zu den wahren Bösen der Weltgeschichte werden.

Welt online 02.11.2011

Es geht nicht um z.B. antisemitische Ideologie, wie sie die Deutschen zum Holocaust und zum Zweiten Weltkrieg trieb, nein; Posener im Delirium:

„Doch Ideologen aller Schattierungen ist der 1946 in Rotterdam geborene israelische Akademiker suspekt, weil er keiner Ideologie anhängt.“

Von wegen, van Creveld vertritt die biologistische Triebtheorie der Neuen Rechten, er vertritt die Ideologie des Patriarchats und er vertritt die Ideologie der Derealisierung gesellschaftlicher Gründe für Krieg und Gewalt, indem er Gewalt und Krieg anthropologisiert und naturalisiert.

Zudem vertritt der Historiker die Ideologie, Israel solle sich im Notfall ohne Verhandlungen vollständig (wie im Gazastreifen) aus dem Westjordanland zurückziehen. Das kann man unschwer als antiisraelische Ideologie bezeichnen. Van Creveld ist also ein obsessiver Ideologe.

Mehr noch: Aus einem „israelischen Militärhistoriker“ wurde innerhalb von einigen Stunden bei der WELT also ein „renommierter israelischer Militärhistoriker“, und der Titel des gekürzt publizierten Vortrags ist so reißerisch und hetzerisch, dass man davon ausgehen kann, wohl mehreren männlichen Redakteuren im Axel-Springer-Hochhaus in Berlin-Kreuzberg ein Großteil ihrer Sicherungen durchgebrannt ist.

Über die Anthropologisierung von Krieg und Gesellschaft sowie die nazistische Triebtheorie unter anderem von Konrad Lorenz, auf der van Creveld mit seinen Thesen, die Schimpansen mit Menschen analogisiert, de facto aufbaut, habe ich bereits geschrieben.

Nun gilt es noch empirisch das Schach-Beispiel ad absurdum zu führen.

Die WELT und ihr geschätzter Autor van Creveld, von dem die bürgerliche Tageszeitung schon 2003 dümmliche Texte publizierte und sich ihm wie die extrem rechte Junge Freiheit und andere Schmuddelblätter nachdrücklich verbunden fühlt, behaupten also Folgendes:

„Geschlechterunterschied auf dem Schachbrett (…) Da dieser Geschlechterunterschied auch für Schach – das Kriegsspiel par excellence – und Computerspiele gilt, hat er offensichtlich nichts mit den körperlichen Fähigkeiten zu tun. (In der Vergangenheit sind verschiedentlich Versuche fehlgeschlagen, Frauen für das Schachspiel zu begeistern.)“

Als ich (als vollständiger Schach-Laie, der dieses Spiel noch nie spielte) das vorhin zwei ganz unterschiedlichen Freundinnen erzählte, lachten beide schallend. Die eine war selbst schon mal „Vizekreismeisterin“ im Schach und die andere wies mich auf Judit Polgár hin. Judit Polgár (Jg. 1976) ist die jüngste der legendären Polgár-Schwestern aus Ungarn.

Im Alter von 15 wurde sie bereits Großmeisterin im Schach, nachdem sie schon zuvor viele Medaillen, unter anderem olympische, gewonnen hatte. Ihre beiden älteren Schwestern Zsuzsa Polgár (Jg. 1969) und Zsófia Polgár (Jg. 1974) sind ebenfalls preisgekrönte Weltklasse-Schachspielerinnen.

April 2011:

„Der Russe Wladimir Potkin ist neuer Schach-Europameister. Er setzte sich im französischen Aix-les-Bains vor dem Polen Radoslaw Wojtaszek durch. Bronze ging an die Ungarin Judit Polgar, die als erste Frau in der Schachgeschichte eine Medaille bei einer offiziellen Männermeisterschaft errang. Die deutschen Teilnehmer hatten mit dem Kampf um den Titel nichts zu tun: Daniel Fridman wurde 25., Jan Gustafsson 34. und Arkadij Naiditsch 78.“

Wer logisch denken kann, kann nur folgern: Frauen können nicht Schach spielen und die WELT beschäftigt seriöse Journalisten und publiziert sinnvolle Texte …

q.e.d. – quod erat demonstrandum.

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