Raymond Ibrahim: Weshalb brauchen wir Worte wie „Islamist“?

Weshalb brauchen wir Worte wie „Islamist“?
von Raymond Ibrahim

Ist der Islam das Problem oder der Islamismus? Muslime oder Islamisten?

Diese und ähnliche Fragen befeuern regelmäßig Diskussionen (wie beispielsweise an der aktuellen Debatte zwischen Robert Spencer und Andrew McCarthy zu sehen ist). Das größte Hindernis auf dem Weg zu einem Konsens ist die Frage, was diese Worte bedeuten; konkret daß Islamismus und Islamisten als „böse“ gelten und Islam und Muslime positiv besetzt sind (oder einfach neutral).

Einige Anmerkungen in dieser Sache:

Beim Islamismus handelt es sich um ein eigenständiges Phänomen, das sich in gewisser Weise vom historischen Islam unterscheidet. Das eiserne Festhalten heutiger Islamisten am überlieferten Wort ist so künstlich und anachronistisch, daß es, mindestens in dieser Hinsicht, der Praxis der Muslime im Mittelalter widerspricht, die natürlich gewachsen war und besser zum historischen Kontext paßte.

Präziser formuliert: Auch wenn heutige Islamisten betonen, sie würden buchstabengetreu dem Vorbild der frühen Muslime folgen, sprechen sie Gebote oder Verbote aus, weil sie, man mag es mögen oder auch nicht, westlichem Einfluß unterliegen. Daniel Pipes beschreibt es so:

Während das heilige Recht des traditionellen Islam ein persönliches Gesetz war, ein Gesetz, dem ein Muslim folgen mußte, wo immer er sich aufhielt, versucht der Islamismus ein Recht zu etablieren, das sich nach westlichem Vorbild an geographischen Grenzen orientiert und dessen Geltungskraft davon abhängt, wo jemand sich aufhält. Nehmen wir als Beispiel den Sudan, wo es Christen traditionell erlaubt war, Alkohol zu trinken, weil sie Christen waren und das islamische Recht nur für Muslime galt. Doch das gegenwärtige Regime hat den Alkoholgenuß für alle Sudanesen verboten. Es geht davon aus, daß das islamische Recht innerhalb eines Territoriums gilt, wie das von westlichen Gesellschaften vorgemacht wird.

Das bedeutet nicht, daß das islamische heilige Recht, die Sharia – das Rückgrat des Mehrheits-Islam – nicht an sich problematisch ist. Die Feindseligkeit gegenüber muslimischen Apostaten beispielsweise – sie reicht von der Verbannung bis zur Todesstrafe – ist historisch wie als Lehre Bestandteil des Islam. Gleiches gilt für die Pflicht zum offensiven Jihad und die Unterwerfung religiöser Minderheiten und von Frauen.

Daß es das Wort Islamismus zur Beschreibung eines eigenständigen Phänomens gibt, bedeutet dementsprechend nicht, daß der ordentliche Islam problemfrei ist. Manchmal sind sogar die historischen Lehren des Islam problematischer als die der Islamisten. Während des „Arabischen Frühlings“ etwa erinnerten viele traditionelle muslimische Sheiks daran, daß die Sharia Muslimen befiehlt, ihrem Führer zu folgen, auch wenn der ungerecht oder tyrannisch ist, so lange es sich bei ihm um einem Muslim handelt. Westlich beeinflußte Islamisten hingegen beriefen sich auf das „humanitäre Argument“ gegen Tyrannen, das nur wenig mit der Sharia zu tun hat.

An dieser Stelle könnte man sicher argumentieren, daß Worte wie „Islamist“, so zutreffend sie sein mögen, letztlich nur akademisch von Bedeutung sind und sonst nur das Potential haben, den Laien zu verwirren. Was jedoch oft in dieser Debatte übersehen wird, das ist der wirkliche Stellenwert solcher Begriffe; sie decken einen linguistischen Bedarf – die Notwendigkeit zu differenzieren und präzise zu sein –, ohne sie ist einfach eine sinnvolle Unterhaltung nahezu unmöglich.

Man beachte: Selbst der schärfste Kritiker des Islam wird einräumen, daß nicht alle, die als „Muslim“ bezeichnet werden – mehr als eine Milliarde Menschen – „der Feind“ sind. Wenn das aber so ist, wie sollten wir sie im Gespräch von anderen unterscheiden? Welche Begriffe sollten wir nutzen?

Es könnte eingewendet werden, daß all jene, die wir als „Islamisten“ bezeichnen, „Muslime“ genannt werden sollten, während die Mehrheit derer, die wir als „Muslime“ betrachten – was oftmals „moderate Muslime“ meint – nicht einmal in die Gleichung einbezogen werden sollten: Im Grunde genommen zählen sie nicht als Muslime, wenn sie sich nicht nach der Sharia richten, also nicht den „wahren Islam“ pflegen.

Auch wenn eine solche Definition möglicherweise Vorteile hätte – da sie der gebräuchlichen und weitverbreiteten Verwendung des Wortes „Muslim“ widerspricht, ist sie unpraktisch und kontraproduktiv.

Stellen wir uns eine Diskussion in Ägypten vor, wo 70 Millionen Muslime leben, in der es speziell um jene Muslime geht, die die Sharia in vollem Umfang umsetzen wollen (die „bad guys“): Mit welchem Substantiv sollten sie von den restlichen Muslimen Ägyptens unterschieden werden? Oder sollten sie „Muslime“ genannt und stillschweigend einfach vorausgesetzt werden, daß alle verstehen, daß mit „Muslime“ diese Muslime gemeint sind?

Eine solche Herangehensweise würde nahelegen, daß alle 70 Millionen Muslime Ägyptens danach streben, die Sharia umzusetzen – was nicht der Fall ist –, und ihre vielen unentschiedenen potentiellen Verbündeten im Westen, deren gesunder Menschenverstand eine solche Übertreibung zurückweist, schließlich zu der falschen Annahme verleiten, daß es keine feindlichen Muslime gibt.

Gleichermaßen kann sich das Beharren darauf, immer von „Muslimen“ statt von „Islamisten“ zu sprechen, als Eigentor erweisen, indem es die Gefahr verdeckt. Betrachten wir die Überschrift: „Ägyptens Islamisten sichern sich 75 Prozent der Parlamentssitze“. Die meisten informierten Leser würden daraus schließen, daß in Ägypten die schlimmste Entwicklung droht. Doch wie redundant wäre diese Überschrift, sähe sie schlicht so aus: „Ägyptens Muslime sichern sich 75 Prozent der Parlamentssitze“. Wer sonst sollte in einer von Muslimen dominierten Nation die Parlamentsmehrheit stellen?

Ähnlich ist es mit diesen Berichten: „US-Vertreter trifft sich mit Ägyptens Islamisten“ oder „Islamist zum Sprecher des ägyptischen Parlaments ernannt“. Viele Leser werden diesen Überschriften entnehmen, daß ein Vertreter der Vereinigten Staaten sich mit einem der „bad guys“ getroffen hat und daß einer von ihnen zum Parlamentssprecher gewählt wurde. Wie bedeutungslos würden diese Überschriften klingen, lauteten sie einfach: „US-Vertreter trifft sich mit Ägyptens Muslimen“ und „ Muslim zum Sprecher des Parlaments ernannt“. Mit wem sollten sich in einem Staat, in dem Muslime 90 Prozent der Bevölkerung stellen, US-Diplomaten treffen, wer sonst sollte zum Parlamentssprecher bestimmt werden, wenn nicht Muslime? Die Gefahr würde völlig übersehen.

Ist es also nicht doch besser, die akzeptierten Begriffe zu benutzen – „Islamist“, „radikaler Muslim“, „islamischer Rassist“, „islamischer Fundamentalist“, alles, was sich vom allgemeinen „Muslim“ unterscheidet –, einfach um zumindest im jeweils konkreten Kontext verstanden zu werden? Die Frage ist nicht, wie die Handlungen solcher Muslime zum „wirklichen“ Islam passen – das ist, wie gesagt, ein völlig anderes Problem, das mit seinen eigenen Begriffen beschrieben werden muß –, sondern wie wir verständlich und praktisch über sie sprechen sollten.

Noch ist ein Wort wie „Islamist“ – das den Namen einer Religion in den Mittelpunkt rückt – zwangsläufig „politisch korrekt“: man denke daran, daß der Assistant Secretary des Verteidigungsministeriums Paul Stockton sich nicht einmal dazu durchringen konnte zu erklären, die Al-Kaida würde einen „gewalttätigen islamistischen Extremismus“ praktizieren, weil er fürchtete, „unseren Gegner als in einem Zusammenhang mit einer Ausprägung des Islam stehend“ zu beschreiben, zu der Annahme führen könnte, wir stünden in einem „Krieg gegen den Islam“.

Das vielleicht beste Argument für die Verwendung von Worten wie „Islamist“ liefern Muslime selbst, wenn sie sie nutzen, um ihre „unnachgiebigeren“ Mitgläubigen („al-Islamiyin“) zu beschreiben. Tatsächlich nutzen selbst Islamisten solche Begriffe, um sich selbst von durchschnittlichen Muslimen zu unterscheiden, wie etwa die ägyptischen „Salafisten“. Sie haben keine andere Wahl – wenn sie verstanden werden wollen.

Zusammengefaßt brauchen wir Begriffe wie „Islamist“ weniger zur dogmatischen Unterscheidung, sondern aus praktischen, linguistischen Gründen. Sicherlich wäre in einer exakteren Welt das Wort „Muslim“ nicht mit einer „Rasse“ verbunden oder würde sich auf eine Milliarde Menschen beziehen, von denen viele sich mit dem Islam nur auf einer kulturellen oder traditionellen Ebene identifizieren; sicherlich wäre „Muslim“ – buchstäblich – reserviert für jene, die sich wirklich dem Diktat des Islam unterwerfen. Doch bis es soweit ist, gilt: Weshalb auf einer Sprache bestehen, die leicht mißverstanden werden oder nach hinten losgehen kann?

Raymond Ibrahim, Autor von The Al Qaeda Reader, ist Shillman Fellow am David Horowitz Freedom Center und Associate Fellow des Middle East Forum.

Quelle: Middle East Forum / PJ Media, 13.02.2012

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4 Comments

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  1. Ich halte allerdings Robert Spencers Argumentation nach einiger Überlegung für weniger überzeugend als die Ausführungen Raymond Ibrahims.

    Spencer meint, er könne mit Begriffen wie “Islamic supremacist” (“muslimischer/islamischer Rassist”) für eine hinreichende Abgrenzung zu all jenen Muslimen sorgen, die gerade keine Rassisten sind.

    “Islamistischer Rassist”, wie Ibrahim empfiehlt, scheint mir doch zielgenauer, jedenfalls weitaus weniger mißverständlich. Daher mag ich in dieser Sache Robert Spencer nicht folgen.

  2. Ich will ja auch gar nicht sagen, dass Spencer überzeugender ist. Nur mal nebeneinander stellen.
    Ich würde übrigens “supremacist” eher in der Kategorie “Herrenmensch” verorten – was den Rassisten einschließt, aber weiter geht.

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