Bettina Marx und ihre “Wirklichkeit”

Gewiß wäre Bettina Marx gern eine deutsche Amira Hass. Anders als die Haaretz-Autorin, der ein Wohnsitz in Ramallah nachgesagt wird, besucht die für die vom Kanzlerinnenamt bezahlte Deutsche Welle tätige Deutsche die “Palästinenser” nur gelegentlich, was zu, nun ja, gewissen Wahrnehmungsproblemen führt:

“Es ist schwierig, das selber zu beurteilen, weil man immer nur Momentaufnahmen bekommt. [..] Und das ist in den Unterhaltungen nicht immer leicht, das rauszukriegen, weil natürlich auch nicht immer jeder einem genau das sagt, was er wirklich denkt. Also manchmal bekommt man auch dann nicht die volle Wahrheit zu hören. Und das ist für einen Berichterstatter, der nicht immer in Gaza lebt, sondern immer wieder hinfährt, sind es immer nur Momentaufnahmen.”

Das hindert die deutsche Staatsjournalistin freilich nicht, sich als Kennerin zu präsentieren, als “Expertin” vorstellen und beklatschen zu lassen, die es eben doch ganz genau weiß. Einbildung ist ja schließlich auch eine Bildung. Und so hören sich denn ihre Beiträge auch an, die frei sind von Einsichten, die Amira Hass manchmal doch lesenswert machen.

Beim Deutschlandfunk jedenfalls erinnerte man sich in dieser Woche an Bettina Marx und ließ sich von ihr in einem “Kommentar” erzählen, was man sowieso schon wußte, aber immer wieder gern hört beim Sender, der “palästinensische” Raketenangriffe auf Israel leugnet und dabei Verletzte nur folgerichtig verschweigt:

“Vom Leid der Palästinenser im Gazastreifen machte sich der deutsche Außenminister dagegen kein Bild. [..] Seit sechs Jahren ignoriert die Bundesregierung – und mit ihr die gesamte Europäische Union – die Wirklichkeit im Nahen Osten.”

Man muß im Geometrieunterricht nicht immer wach gewesen sein, um zu wissen, daß der Nahe Osten nicht durch Gazas Grenzen zu Ägypten und Israel definiert wird, doch Bettina Marx könnte das bei ihren “Momentaufnahmen” durchaus so vorkommen. Vielleicht hat ihr das jemand erzählt in Gaza, wo man ja zumindest “manchmal nicht die volle Wahrheit zu hören” bekommt.

Gesellen sich aber zur falschen Geographie die Behauptungen, weder die deutsche Regierung noch die Europäische Union hätten Interesse für Gaza gezeigt, sollten einige Alarmglocken läuten. 2010 besuchte Guido Westerwelle Gaza, im Jahr darauf schüttelte Dirk Niebel, der Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, dort nicht wenige Hände.

“Bundesminister Niebel traf darüber hinaus mit dem Generalkommissar des für Palästinaflüchtlinge in Nahost zuständigen Hilfswerks der Vereinten Nationen UNRWA, Filippo Grandi, zusammen und sprach mit jungen Absolventinnen des deutsch-palästinensischen Berufsbildungsprogramms.”

Und auch Catherine Ashton, der Europäischen Union “Außenministerin” und Vize-Präsidentin, taucht immer wieder in Gaza auf – selbstverständlich nicht mit leeren Händen: “Ashton also pledged about $70 million to the United Nations Relief and Works Agency, which assists Palestinian refugees”. Und wer war 2012 wohl noch Gast in Gaza? Richtig – Juden-Boykotteur Eamon Gilmore, der Irren amtierender Außenminister.

Bettina Marx muß in einer Parallelwelt leben, wenn ihr all diese Visiten entgangen sind. Oder verleugnet sie diese gar absichtsvoll? Die “Palästinenser” in Gaza, empört sie sich, “werden bestraft für den Wahlsieg der Hamas im Jahr 2006. Seither reist kein europäischer Politiker mehr in das eigentliche Auge des nahöstlichen Sturms.” Catherine A., Eamon G., Dirk N. und Guido W. sind – keine Politiker? Nichtmal schlechte?

“Dabei sind 60 Prozent der Einwohner des Gazastreifens unter 18 Jahre alt. Sie alle also, die große Mehrheit der Bevölkerung, haben die Hamas nicht gewählt. Sie tragen keine Schuld – wenn man schon eine demokratische Wahlentscheidung als Schuld bezeichnen möchte.”

Diese Demographie galt auch 2009 schon. Und damals erklärte Bettina Marx vor Anhängern in Berlin, die Annahme, “daß die Palästinenser im Gazastreifen, wie manche deutsche Politiker sich das vorstellen, [..] Hamas abschütteln würden”, sei “eine unsinnige Vorstellung. [..] Denn sie haben sie ja schließlich gewählt, warum sollten sie sie jetzt abschütteln?”

Tja, warum sollten sie? Die Hamas fördert die Jugend doch so vorbildlich …

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