Tag: 8. November 2017

Sächsische Zustände

Im Rahmen eines Spendendinners des Vereins Denkmal für die ermordeten Juden Europas e.V., bei dem makabrerweise Jean Asselborn, der für seine Ablehnung Israels berüchtigte Außenminister der Steueroase Luxemburg, eine Rede halten durfte, wurde am Dienstag eine Schülerin aus Dresden geehrt, die sich mit einer Anzeige gegen antisemitische Umtriebe an ihrer Schule gewehrt hatte.

Nach Auskunft der Fünfzehnjährigen war – und ist – es an ihrer Schule offenbar nicht unüblich, daß sich Schüler mit judenfeindlichen »Scherzen« unterhalten und mit Hitlergruß grüßen. Als sie gegen ein Bild einer Rauchwolke mit der Unterschrift »jüdisches Familienfoto« protestierte, sei sie gefragt worden, ob sie »zu viele tote Juden eingeatmet« habe und »nach Polen auszuwandern« wolle.

Darauf habe das Mädchen ihren Mitschüler wegen Volksverhetzung angezeigt und sei nur noch weiter angefeindet worden. So lobenswert und daher verdient der Preis für Zivilcourage für das Mädchen auch ist, die Aufmerksamkeit sollte hier nicht aufhören. Denn wie es scheint, hat die Schule des Mädchens nicht nur ein Problem mit Schülern, die nicht wissen, sich zivilisiert aufzuführen, sondern auch und gerade mit Lehrpersonal, das nicht gewillt ist, dagegen etwas zu unternehmen.

Über die Gründe mag man spekulieren, vielleicht sind Lehrer überfordert damit, manifesten Antisemitismus zu erkennen, möglicherweise lachen sie heimlich mit. Daß eine Schülerin nicht bei ihnen auf Unterstützung hofft, sondern sich an die Polizei wenden muß, ist ein Armutszeugnis für die, die ein solches Klima politisch verantworten, und das ist in Sachsen vor allen anderen die CDU.

Erklärte »Landesvater« Kurt Biedenkopf in den 1990ern, die Sachsen seien »immun« gegen Rechtsextremismus, eine Einschätzung, die er 2015 wiederholte, waren es auch seine Nachfolger, die durch Verharmlosung und deren damit verbundene Duldung rechtsextremistische Ideen hoffähig machten. In Sachsen konnte die NPD in den Landtag einziehen, die AfD stärkste Partei werden.

Und die einzige Lehre daraus ist, daß der schon am weitesten rechts stehende Verband der Union sich noch weiter rechts positionieren will. Da paßt es durchaus, daß die jetzt geehrte Schülerin letztlich nicht eben erfolgreich war: Der Urheber der antisemitischen Sprüche mußte ein Gespräch mit der Polizei überstehen, verbleibt aber an der Schule. Für deren Lehrer bleibt ihr Versagen folgenlos.

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