{"id":3942,"date":"2019-06-22T13:25:15","date_gmt":"2019-06-22T11:25:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tw24.net\/?p=3942"},"modified":"2019-06-23T17:38:24","modified_gmt":"2019-06-23T15:38:24","slug":"bitterernstes-lesevergnuegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tw24.net\/?p=3942","title":{"rendered":"Bitterernstes Lesevergn\u00fcgen (Buchrezension)"},"content":{"rendered":"<p>Rechtes Denken, Reden und W\u00e4hlen haben Konjunktur. Wenn dann noch ein ehemaliger Bundespr\u00e4sident, der bereits vor Jahren durch die uns\u00e4gliche Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Kommunismus auffiel, eine \u00bberweiterte Toleranz\u00ab gegen\u00fcber den Rechten fordert, kann einem angst und bange werden. Am gleichen Tag gibt die Bundesregierung auf Anfrage bekannt, dass sich aktuell 497 Rechtsextreme, nach denen gefahndet wird, auf freiem Fu\u00df befinden. Kritiker mahnen die fehlende koordinierte Anstrengung der Innenminister zur Bew\u00e4ltigung des Problems an, bisher vergeblich. In einem Dortmunder Vorort skandierte im vergangenen Jahr eine Nazi-Demonstrationsgruppe \u00bbWer Deutschland liebt, ist Antisemit!\u00ab; die Polizei griff nicht ein. Die AfD sitzt derweil in allen Parlamenten, auf dem Evangelischen Kirchentag werden dagegen Workshops mit dem Titel \u00bbWie reagiere ich klug auf populistische Parolen?\u00ab angeboten. So etwas kann leicht zur Spiegelfechterei verkommen, wenn die Wurzeln rechter Gesinnung nicht aufgedeckt, die im schlechtesten Sinn \u00bbkonservativen\u00ab Wegbereiter und Stichwortgeber nicht benannt werden.<\/p>\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.tw24.net\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/panoptikum20190622.png\" alt=\"\" width=\"470\" height=\"665\" class=\"alignnone size-full wp-image-3945\" srcset=\"https:\/\/www.tw24.net\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/panoptikum20190622.png 470w, https:\/\/www.tw24.net\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/panoptikum20190622-212x300.png 212w\" sizes=\"auto, (max-width: 470px) 100vw, 470px\" \/><figcaption><i>Wolfgang Brosche: <a href=\"http:\/\/www.editioncritic.de\/allgemein\/ab-21-juni-2019-lieferbar-wolfgang-brosche\/\">Panoptikum des Grauens. \u00dcble Zeitgenossen, Zombies und andere Rechte.<\/a> Verlag Edition Critic: Berlin 2019, 199 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3-946193-25-8<\/i><\/figcaption><\/figure>\n<p>Genau darum geht es Wolfgang Brosche. In den elf Essays, die in diesem Band versammelt sind, zerpfl\u00fcckt er mit Sachverstand und Sprachwitz einige einflussreiche Autoren und Autorinnen, die den gef\u00e4hrlichen Rechtsdrall vorbereitet haben und weitervorantreiben. Brosche nennt sie \u00bbKonservative\u00ab, die wie Zombies auftreten: zwar \u00bbgut gekleidet und mit bemerkenswerten Tischsitten\u00ab (12), doch vordemokratischen, patriarchalisch-autorit\u00e4ren Ideen verhaftet, die l\u00e4ngst tot sind und die jetzt wieder hervorgekramt werden, um das Ideal der gleichen W\u00fcrde aller Menschen zu zersetzen. Brosche wird pers\u00f6nlich und detailgenau, wenn er sich beispielhaft Ulrich Greiner und Peter Sloterdijk, Birgit Kelle und Vera Lengsfeld, Jan Fleischhauer, Matthias Matussek und Henryk Broder vornimmt.<\/p>\n<p>Weitere Verharmloser (wie Werner Patzelt) und Stichwortgeber der Neuen Rechten werden knapp und treffend vorgestellt. Als Abbild der r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten und politisch still gestellten Gesellschaft sowie als Beispiel verlogener Sentimentalit\u00e4t und Ausgrenzung wird die beliebte Fernsehsendung \u00bbBares f\u00fcr Rares\u00ab vorgestellt und seziert. Hinzu kommen Sondierungen in Brosches eigener Familiengeschichte und fr\u00fche pers\u00f6nliche Erfahrungen mit einer teils verkappten, teils aggressiven Abgrenzung von Juden, \u00bbZigeunern\u00ab und allen anderen, die von der sogenannten Normalit\u00e4t abweichen. Denkbar w\u00e4ren all diese Erfahrungen in vielen deutschen Provinzst\u00e4dten, gleichwohl \u00fcberrascht es kaum, dass sie im \u00bbkatholisch-bigotten\u00ab (177) Paderborn gemacht wurden \u2013 der \u00bbwestf\u00e4lischen Sch\u00fctzenfesthochburg\u00ab (115), wie Brosche nicht zuf\u00e4llig bemerkt.<\/p>\n<p>Wer denkt, so anerkannte Intellektuelle wie Ulrich Greiner (ehemals Feuilletonchef der Wochenzeitung DIE ZEIT) oder Peter Sloterdijk (bekannter Fernsehphilosoph und Karlsruher <a id=\"aGoBack\"><\/a>Gro\u00dfprofessor f\u00fcr Philosophie und \u00c4sthetik) k\u00f6nnten doch unm\u00f6glich zu den Vertretern des rechten Grauens gez\u00e4hlt werden, wird eines besseren belehrt. Es ist offenbar nicht Zufall, sondern hat Methode, wenn Greiner \u00fcber Heimatlosigkeit, unkontrollierte Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me, die Globalisierung und Islamisierung, die \u00bbGenderideologie\u00ab und die Allmacht der Gr\u00fcnen r\u00e4soniert. Brosches Aufweis der teils ausdr\u00fccklichen Bez\u00fcge zu nationalistischen Denkern und Demokratiever\u00e4chtern ist auf den Seiten 12 bis 25 ausf\u00fchrlich nachzulesen. Ein Ausrutscher war auch Sloterdijks Versuch, die Menschen nach \u00bbihrem Rank\u00ab oder ihrer \u00bbexistenziellen Wertigkeit\u00ab zu unterscheiden, nicht. Brosche legt das detailliert und schmerzhaft deutlich dar. Er nennt Sloterdijk wohlbegr\u00fcndet einen \u00bbProfessor Unrat\u00ab. Vieles von dem, was sein Sch\u00fcler Marc Jongen als kulturpolitischer Vordenker in die AfD einbringt, sei bereits bei Sloterdijk vorgedacht oder auch vorformuliert. (41-61) R\u00fcckgriffe auf die griechische Mythologie, wie sie Sloterdijk ausf\u00fchrlich f\u00fcr seine Welterkl\u00e4rung heranzieht, nimmt Brosche unter dem bezeichnenden Titel \u00bbHumbug und Hoax\u00ab (44) kritisch unter die Lupe. Sein Ergebnis ist nicht leicht von der Hand zu weisen.<\/p>\n<p>Erstaunlich anregend f\u00fcr Brosches Analysen sind die eingestreuten Bezugnahmen auf den Zombiekult der letzten Jahre, der in zahlreichen Filmen und weiterem popkulturellem Schaffen Ausdruck gefunden hat. Hilfreich, jedoch nicht immer zwingend, sind auch seine psychoanalytischen Deutungsangebote zum Verst\u00e4ndnis von zun\u00e4chst verbl\u00fcffenden Windungen und Rochaden (von links bis ganz rechts) in den Biographien der vorgestellten Zombies und \u00bb\u00fcblen Zeitgenossen\u00ab. Die angedeutete Versuchung zum Mitleid mit den \u00bb\u00e4lteren Herren\u00ab Matussek und Broder, die \u2013 einst hoch angesehene Journalisten \u2013 heute zu Hofnarren verkommen seien, wird durch die differenzierten biografischen Reflexionen unvermeidbar; die Analyse ihrer heutigen Rolle als Stichwortgeber gegen Fl\u00fcchtlinge, \u00bbKulturfremde\u00ab, Feminismus, f\u00fcr Islamophobie und Homophobie bleibt gleichwohl unbestechlich. Ein anderer roter Faden, der sich durch mehrere Essays zieht, ist die Rolle des rechtskatholischen Milieus, das der Neuen Rechten teils verdeckt, teils offen zuarbeitet: Ulrich Greiner, Birgit Kelle und Matthias Matussek sind hier medial vielfach pr\u00e4sente Protagonisten. Ob die von Brosche en passant mitgegebene \u00dcberzeugung, dass Religionen und so auch das Christentum per se nur mit einem autorit\u00e4r-hierarchischen Staatsverst\u00e4ndnis kompatibel sind und bleiben, verdiente eine eigene Diskussion.<\/p>\n<p>Zusammenfassend: Brosche, renommierter Autor und Journalist, zieht der konservativen und angeblich ahnungslosen B\u00fcrgerlichkeit (\u00bbdas haben wir nicht gewusst\u00ab) die Maske vom Gesicht. Er macht das mit seinen Mitteln: vor allem einer immensen Belesenheit und kritischen Aufmerksamkeit gegen\u00fcber sprachlichen und politischen Zugeh\u00f6rigkeiten. Sein Blick f\u00fcr psychosoziale Dispositionen und seine bildm\u00e4chtige Sprache, die auch Spott und provokante Zuschreibungen einschlie\u00dft, machen ihn zu einem Aufkl\u00e4rer im besten Sinne. Als Streiter f\u00fcr Meinungsfreiheit, Menschenw\u00fcrde und Demokratie, der nicht wegschaut und nichts sch\u00f6nredet, spie\u00dft er mit spitzer Feder Rechtstendenzen und b\u00fcrgerlich verbr\u00e4mte Bez\u00fcge zur Naziideologie auf. F\u00fcr distanzierte \u00bbAusgewogenheit\u00ab bleibt da kein Platz. Wunderbar. Ein Lesevergn\u00fcgen \u2013 trotz des bitterernsten Themas. Nebenbei: auch trotz so mancher ausgefallener Begriffe und Metaphern; manche Leser*innen werden (wie der Rezensent) das eine oder andere Fremdwort nachschlagen, wenn sie alles genau verstehen wollen.<\/p>\n<p>Das Buch sei vorbehaltlos zur Lekt\u00fcre empfohlen. Zuerst allen Journalist*innen und Aktivist*innen gegen rechts sowie Menschen, die in Politik oder Erwachsenenbildung Aufkl\u00e4rungsarbeit betreiben. Politisch wache Zeitgenoss*innen, die die Fundamente der Neuen Rechten verstehen wollen, um ihr auf allen Ebenen (und nicht nur einigen Parolen) informiert widerstehen zu k\u00f6nnen, werden es mit Gewinn lesen.<\/p>\n<p>(<i>Dr. Dr. Richard Geisen war bis zum Fr\u00fchjahr 2019 Leiter des Fachbereichs Arbeitswelt und Sozialpolitik am Sozialinstitut Kommende Dortmund<\/i>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rechtes Denken, Reden und W\u00e4hlen haben Konjunktur. Wenn dann noch ein ehemaliger Bundespr\u00e4sident, der bereits vor Jahren durch die uns\u00e4gliche Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Kommunismus auffiel, eine \u00bberweiterte Toleranz\u00ab gegen\u00fcber den Rechten fordert, kann einem angst und bange werden. 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