{"id":3955,"date":"2019-06-23T14:00:01","date_gmt":"2019-06-23T12:00:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tw24.net\/?p=3955"},"modified":"2019-06-23T17:37:41","modified_gmt":"2019-06-23T15:37:41","slug":"gesellschaftskunde-buchrezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tw24.net\/?p=3955","title":{"rendered":"Gesellschaftskunde (Buchrezension)"},"content":{"rendered":"<p>Um <i>\u00dcble Zeitgenossen, Zombies und andere neue Rechte<\/i> (so der Untertitel) geht es in der 199 Seiten langen exklusiven Essay-Sammlung des Autors und Journalisten Wolfgang Brosche. Das Buch sei ein must-read f\u00fcr alle an einer linken Gesellschaftskritik Interessierten (so das Vorwort). Man erwartet also einiges. Und man wird nicht entt\u00e4uscht.<\/p>\n<figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3945\" src=\"https:\/\/www.tw24.net\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/panoptikum20190622.png\" alt=\"\" width=\"470\" height=\"665\" srcset=\"https:\/\/www.tw24.net\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/panoptikum20190622.png 470w, https:\/\/www.tw24.net\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/panoptikum20190622-212x300.png 212w\" sizes=\"auto, (max-width: 470px) 100vw, 470px\" \/><figcaption><i>Wolfgang Brosche: <a href=\"http:\/\/www.editioncritic.de\/allgemein\/ab-21-juni-2019-lieferbar-wolfgang-brosche\/\">Panoptikum des Grauens. \u00dcble Zeitgenossen, Zombies und andere Rechte.<\/a> Verlag Edition Critic: Berlin 2019, 199 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3-946193-25-8<\/i><\/figcaption><\/figure>\n<p>In elf sprachlich fulminanten Kapiteln werden Vertreter*innen rechten Gedankenguts unter die Lupe genommen, die in Deutschland leider keinen geringen Einfluss haben und daher verheerenden Schaden anrichten.<\/p>\n<p>Ulrich Greiners Buch <i>Heimatlos. Bekenntnisse eines Konservativen<\/i> wird zuerst analysiert und Brosche zeigt hier schon, was sich als luzides Destillat bei all diesen zwischen schwarz und braun changierenden Figuren manifestieren wird: ihnen allen gemein ist die Ablehnung einer humanen, modernen Welt, die wom\u00f6glich \u2013 Gott bewahre! \u2013 auch noch antikapitalistisch ist und somit ja alles zerst\u00f6ren w\u00fcrde, worauf Konservative seit jeher setzen: Hierarchien, bedingungslose Anpassung, Autorit\u00e4tsh\u00f6rigkeit.<\/p>\n<p>Entlarvt wird au\u00dferdem die \u00bbpatriarchal-protofaschistische Denkweise\u00ab (S. 55) des Philosophen Peter Sloterdijk. Die Texte von Publizist*innen wie Vera Lengsfeld, Jan Fleischhauer, Matthias Matussek oder Henryk Broder werden ebenfalls einer kritischen Lekt\u00fcre unterzogen, die deren zum Teil ja nur latent rechte Schlagseite ganz klar benennt. <\/p>\n<p>Eines der l\u00e4ngsten, interessantesten und treffendsten Kapitel ist denn auch \u00bbDie Methode Kelle\u00ab (S. 63-96). Dass in der konservativen Welt die Frau unter dem Mann steht, ist evident. Insofern ist Birgit Kelle nur konsequent, wenn sie als \u00fcberzeugte Antifeministin die nobelste Aufgabe einer Frau in der Mutterschaft sieht. Das ist auch die Sicht des Patriarchats seit Menschengedenken. Um den deutschen Status quo zu zementieren, ist es unabdinglich, Homo- und Transsexualit\u00e4t zu stigmatisieren. Abtreibung zu verdammen. All das zu bek\u00e4mpfen, was die Welt egalit\u00e4rer und sch\u00f6ner machen k\u00f6nnte. Denn das w\u00e4re ja eine Attacke auf das geliebte, weil Sicherheit gebende, b\u00fcrgerliche, man k\u00f6nnte auch sagen, erz-reaktion\u00e4re, primitive Weltbild. Und wo k\u00e4men wir hin, wenn Fl\u00fcchtlinge, Homosexuelle, Feminist*innen und anderes linkes Gesocks an den jahrhundertealten Privilegien der wei\u00dfen Cis-M\u00e4nner r\u00fctteln d\u00fcrften?<\/p>\n<p>Brosche weist darauf hin, wie gerade eine Birgit Kelle, die \u00bbnicht die geringste Ahnung von Geschlechterforschung hat\u00ab (S. 72), zur Verrohung und Verprollung des politischen Diskurses ma\u00dfgeblich beitr\u00e4gt und welche Gefahren es birgt, derartigen Pseudo-Expert*innen \u00fcberhaupt eine Plattform zu bereiten. Indirekt erw\u00e4hnt der Autor in diesem Kontext auch den Grundgedanken des Antinatalismus, wenn er Kelles Ablehnung von Abtreibung gei\u00dfelt: ist es nicht bizarr, wie sich die selbst ernannten Lebenssch\u00fctzer immer nur f\u00fcr den Zellklumpen im K\u00f6rper der Frau interessieren, nicht aber f\u00fcr das leidende Kind? Daf\u00fcr f\u00fchrt er schockierende Beispiele wie die \u00fcber zwei Millionen von Hartz IV lebenden Kinder hierzulande an oder die 150 Kinder pro Jahr, die Opfer der Gewalt und Vernachl\u00e4ssigung durch ihre eigenen Eltern werden.<\/p>\n<p>Die drei K (Kinder, K\u00fcche, Kirche), die Birgit Kelle allen Frauen ans Herz legt, sollten im Jahr 2019 keinen derartigen Anklang mehr finden, findet Wolfgang Brosche. Insofern verwundert es nicht, dass sich bei Frau Kelle in erster Linie die Maskulinisten bedanken, die mit Vorliebe bei der Neuen Rechten ihr Unwesen treiben, \u00bbdie den m\u00e4nnlichen Bedeutungsverlust ebenso f\u00fcrchten wie die nachlassende Potenz und die Erm\u00fcdungserscheinungen ihres Gockeltums\u00ab (S. 90).<\/p>\n<p>Wir wollen keine neorechten Agitator*innen, die sich als konservativ tarnen, die den Klimawandel ebenso leugnen wie die dringende Notwendigkeit von Feminismus und Antifaschismus in Zeiten des allgemeinen Backlashs! Und genau dazu leistet das neue Buch von Wolfgang Brosche einen nicht hoch genug zu sch\u00e4tzenden Beitrag.<\/p>\n<p>(<i><a href=\"https:\/\/www.buechner-verlag.de\/autor\/verena-brunschweiger\/\">Dr. Verena Brunschweiger<\/a>, geb. 1980, studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie\/Ethik und promovierte 2007 in der Medi\u00e4vistik. Sie ist aktive Feministin und arbeitet hauptberuflich als Gymnasiallehrerin. Au\u00dferdem ist sie \u00fcberzeugte Nicht-Mutter.<\/i>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um \u00dcble Zeitgenossen, Zombies und andere neue Rechte (so der Untertitel) geht es in der 199 Seiten langen exklusiven Essay-Sammlung des Autors und Journalisten Wolfgang Brosche. Das Buch sei ein must-read f\u00fcr alle an einer linken Gesellschaftskritik Interessierten (so das Vorwort). Man erwartet also einiges. Und man wird nicht entt\u00e4uscht. Wolfgang Brosche: Panoptikum des Grauens. 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