Gute Jüdin

Wie wird frau in Deutschland zu einer gefeierten Streiterin „für die Meinungsfreiheit“? Frau „wehrt“ sich und zieht vor Gericht: „Süsskind muss Hefets jetzt eine Unterlassungsschrift ausfertigen, die Behauptung nicht zu wiederholen“. „Die Behauptung“ hatte es, scheint’s, aber auch in sich:

„Der Vorwurf des Antisemitismus, beruhend auf einer böswilligen Denunziation, wurde ausgesprochen. Hefets hat sich gewehrt. Sie hat die Vorsitzende der Gemeinde verklagt. Mitte Juni hat sie vor einem deutschen Gericht in erster Instanz Recht zugesprochen bekommen. Hefets ist keine Antisemitin.“

Eik Dödtmann, der in der Jüdischen Zeitung eine Seite über Iris Hefets vollschreiben durfte, erzählte vor zwei Jahren der Wochenschrift Das Parlament, er habe es als „bedrohlich“ empfunden, „in einer Gesellschaft zu leben, deren Regierungen an einer Besatzungspolitik festhalten“.

Leider konnte er als Deutscher diese so bedrohliche Gesellschaft, nämlich Israel, nicht aus „politischen Gründen“ verlassen, sondern nur heimkehren ins Reich, wo schon die „israelische [!] Politaktivistin“ Iris Hefets wartete, die vor ein paar Wochen in der taz eine Pilgerfahrt nach Auschwitz unternahm.

Dem etwas wirren Beitrag Iris Hefets‘ folgte „eine Sturzflut der Entrüstung und ein von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ausgerichtetes Tribunal, bei dem die Person Iris Hefets, aber nicht ihre Thesen an den Pranger gestellt wurden“, wie Eik Dödtmann entsetzt behauptet.

Tatsächlich wurden Iris Hefets‘ Ausführungen auch kritisiert und zum Anlaß genommen, in Berlin eine Diskussion über den Umgang deutscher Medien mit Erinnerungskultur, Israelkritik und Antisemitismus zu veranstalten. Ines Pohl, die Chefredakteurin der taz, und ihre Claqeure sprengten die Veranstaltung.

„Pohl war Sprachrohr des antidemokratischen und antizionistischen, extremistischen Volksmundes. Eine Diskussionsteilnehmerin nannte später den Mob Ausdruck des ‚Linksfaschismus‘, wie in den 1970er Jahren, treffender wäre wohl schlicht ’stalinistisch‘.“

In ihrem Grußwort hatte zuvor Lala Süsskind Aussagen Iris Hefets‘ zitiert, an die diese sich nicht erinnern mochte. Und dagegen zog Iris Hefets dann tatsächlich vor ein deutsches Gericht, das ihr erstinstanzlich freilich nicht bescheinigte, keine Antisemitin, sondern nur gründlich mißverstanden worden zu sein.

„Das konkrete Zitat sei falsch und die tatsächliche Äußerung in Bremen sei in einem völlig anderen Zusammenhang gefallen, argumentierte Hefets Anwalt. Dabei sei es seiner Mandantin um die Frage eines institutionellen Boykotts von Israel gegangen, nicht um eine Ausgrenzung von Juden oder Personen anderen Glaubens.“

Eik Dödtmann mußte das wohl ein wenig ausschmücken, damit sein Porträt Iris Hefets‘ nicht schon nach den ersten Absätzen zusammenfällt wie ein Kartenhaus vor einem Ventilator. Iris Hefets wird darin gezeichnet als mutige Kämpferin gegen alle möglichen Ungerechtigkeiten, eingebildete wie tatsächliche.

In Israel, das sie 2002 verließ, habe sie „Alltagsrassismus“ erlebt und auch den Terror der Zweiten Intifada der „Palästinenser“, den sie und all die „Aktivisten“, mit denen sie in Israel „für eine [!] Chancengleichheit [..] aller Bürger und allen unter Israels Besatzung leidenden Menschen“ sich engagierte, nicht verhindern konnten.

„Warum sie Israel [..] verlassen hat? Hefets kann die Entscheidung nicht an einem konkreten Ereignis festmachen.“ Also bieten „politische Gründe“ sich an, denn „politische“ Flüchtlinge aus Israel sind den Deutschen so willkommen, daß ihnen die Auszeichnungen nachgerade nachgeworfen werden.

Nur: Wohin flüchtete die „Menschenrechtsaktivistin“ aus der „bedrohlichen Gesellschaft“? Gar fürchterbar ist das Exil, das sie dem Eik Dödtmann beschreibt:

„‚Ich habe Angst, dass so viele Leute hier mundtot gemacht werden.‘ Der Einwurf ist berechtigt. In einschlägigen [!] Internetblogs und im Zuge des Hefets-Tribunals [!] finden sich zahlreiche Stimmen, die Hefets mit der NPD gleichsetzen. [..] Hefets beklagt auch, dass Stimmen wie die ihre nicht in die deutschen Medien gelangen, abgesehen von ein paar linken Gazetten.“

Wer steckt wohl dahinter? Es sind einerseits „die Offiziellen“: „Die Methoden der Offiziellen beurteilt Hefets angesichts der Angriffe gegen ihre Person als undemokratisch“. Und es sind andererseits „deutsche Nichtjuden“: „Die deutschen Nichtjuden behalten ihre Unterdrückerrolle immer noch bei“, meint Iris Hefets:

„Sie entscheiden, welcher Jude gut ist und welcher nicht. Deutsche Nichtjuden haben ihre Tabus und bestimmen, wie nah man an diese Tabus herantreten kann. Sie interpretieren ihre Verantwortung so, dass sie bestimmen dürfen, was wir hier sagen dürfen.“

Iris Hefets wird im deutschen Exil also gleich mehrfach zum Opfer. „Die Offiziellen“ knechten sie mit ihren „undemokratischen Methoden“, während die Eingeborenen mit „ihren Tabus“ der „israelischen Politaktivistin“ das Leben zur Hölle machen. Dabei, sagt sie, war sie doch gar nicht böse:

„Das stört mich am meisten: Ich habe nichts gesagt, was nicht legitim ist, was nicht in Israel im Diskurs ist.“

Wenn die „Pilgerfahrt nach Auschwitz“ allerdings „in Israel im Diskurs“ ist, was hat der Diskurs über israelische Themen dann in Deutschland zu suchen, außerhalb Israels? Gehört die taz zur Pflichtlektüre in Israel, wenn sie es schon in Deutschland nicht ist?

Offenbar gibt es in Israel weder „die Offiziellen“ mit ihren „undemokratischen Methoden“ noch von Nichtjuden zu verantwortende „Tabus“, sondern munteren Diskurs ohne Mundtote. Und dennoch will Iris Hefets nichts wissen von Israel, dieser „bedrohlichen Gesellschaft“, wie sie Eik Dödtmann nennt.

Ist es möglich, daß Iris Hefets sich gefällt als Alibijüdin eines deutschen Eik Dödtmann?