Jüdische Einrichtungen, das ist so tragisch wie bezeichnend, müssen in Deutschland noch immer durch private oder staatliche Sicherheitskräfte geschützt werden. Dabei lassen die offiziellen wie inoffiziellen Repräsentanten Deutschlands nahezu keine Gelegenheit ungenutzt verstreichen, Juden in Deutschland oder Israel, den Juden unter den Staaten, ausgerechnet mit dem Hinweis auf ihre hervorragende Vergangenheitsbewältigung Lehren erteilen zu wollen.
Vor wenigen Wochen sollte die Synagoge in Worms in Flammen aufgehen; die Feuerwehr konnte den Brand jedoch schnell löschen, so daß der Schaden an der Synagoge sich in Grenzen hielt. Darüber, ob bis heute ausbleibende Erfolge bei der Suche nach den Tätern darin begründet liegen, daß diese möglicherweise nicht aus dem Umfeld autochthoner Nazis stammen, sondern über etwas verfügen könnten, das „islamischer Hintergrund“ genannt wird, kann nur spekuliert werden.
Am Tag nach diesem Anschlag jedenfalls wußte Malte Lehming vom Tagesspiegel Warnungen vor einem erstarkenden Antisemitismus in Deutschland als „jüdische Folklore“ zu denunzieren. „Diaspora-Juden“, so der Kommentator, litten darunter, „nicht beim Aufbau des zionistischen Gemeinwesens“ in Israel „zu helfen“ und überkompensierten ein schlechtes Gewissen, indem sie in „die Rolle des hyperventilierenden Antisemitenentlarvers“ schlüpften.
Wo also, könnte man nun meinen, die Bekämpfung von Antisemitismus – theoretischem wie praktischem – bei den in Deutschland lebenden Juden eher etwas zu tun hat mit „Überkompensation“ denn mit ehrlicher Sorge vor der Barbarei, müßten doch die authentischeren Autochthonen schon aus Sorge um den Ruf ihres ehrlich geliebten VaterlandsStandorts einspringen, wenn mal wieder jüdische Einrichtungen oder Juden angegriffen werden.
Doch wo sind die Malte Lehmings der Republik, nachdem am vergangenen Wochenende in Hannover Mitglieder einer jüdischen Tanzgruppe mit Steinen attackiert und verletzt wurden? Die Hannoversche Allgemeine, ein Blatt von bestenfalls regionaler Bedeutung, berichtet:
„Eine Tanzgruppe der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover ist dort am Sonnabend bei einem Stadtteilfest mit Steinen beworfen und beschimpft worden. Nach übereinstimmenden Darstellungen haben bis zu 30 Kinder und Jugendliche vor allem libanesischer, palästinensischer, irakischer, iranischer und möglicherweise auch türkischer Abstammung antisemitische Parolen gerufen und Kieselsteine auf die acht erwachsenen Tänzer geschmissen.“
Wo ist der Tagesspiegel, der das Geschehen wenigstens vermeldet oder gar zu kommentieren versucht? Wo sind tagesschau und Süddeutsche Zeitung? Schauen sie weg, bis Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, die zweifellos antisemitischen Angriffe als solche verurteilt? Warten sie darauf, um diesen dann als „hyperventilierenden Antisemitismusentlarver“ zu entlarven und die Steinewerfer hingegen mit angeblichem Fehlverhalten Israels zu entschuldigen?
Hat Stephan Kramer, der „jüdische Folklorist“, vielleicht neulich sich nicht geirrt, als er antisemitische Einstellungen in deutschen Medien beklagte, die jetzt aus klammheimlicher Sympathie mit dem antisemitischen Mob dessen Angriff auf jüdische Folkloristen nur deshalb beschweigen, weil Steinewürfe ja doch nicht zum zivilisierten Image des Standorts passen?
Die Antwort auf die Frage, ob der Tagesspiegel das „Geschehen“ in Hannover „vermeldet“, findet sich hier:
http://www.tagesspiegel.de/politik/bestuerzung-nach-antisemitischem-angriff-in-hannover/1867202.html
Die Behauptung, ich würde Warnungen vor Antisemitismus in Deutschland als „jüdische Folklore“ denunzieren, ist Quatsch. Ich glaube nur nicht, dass Herr Kramer recht hatte mit seiner Behauptung, der Tagesspiegel sei zunehmend antisemitisch.
Herzliche Grüße
Malte Lehming
Der „Held“ der Steine-Story ist ein Anti-Held: der Leiter des Stadtteiltreffs vom Sahlkamp, ein kommunaler Angestellter, der Hajo Arnds heißt.
Sein Beispiel belegt, dass die Kritik der „deutschen Ahnungslosigkeit“ die richtigen Fragen stellt. Im Nachgagng zu den Ereignissen um die israelische Folklore auf dem Stadtteilfest kommt nämlich auch Hajo Arnds zu Wort. Die Hannoversche Allgemeine schreibt über ihn:
„Seine Botschaft ist eindeutig: Ja, es ist etwas Schlimmes, Verurteilenswertes geschehen. Aber Antisemitismus gebe es in seinem Viertel, unter seinen Jugendlichen nicht.“
http://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Uebersicht/Polizei-fasst-zwei-Steinewerfer-in-Hannover
Hajo Arnds darf sich und seine Wahrnehmung/Gesinnung in der Hauptstadt und bei deren Journaille indes in „guter“ Gesellschaft wissen.
Aber auch abgesehen davon finde ich es bemerkenswert, dass Malte Lehming versucht, an dieser Stelle nun auch noch Reklame zu machen für sich und sein Zentralorgan – wenngleich zuvorderst als jemand, der „Quatsch“ zu sagen versteht.
Was der Tagesspiegel schreibt, ist die volle Verschleierung der Problematik. Das wird vom TS beschrieben, nicht gewertet – mal einer der inzwischen eher wenigen Fälle, wo wirklich zwischen Berichten und Meinung/Kommentar getrennt wird.
Es wäre aber nett vom Tagesspiegel und Herrn Lehming, wenn da auch mal ein Kommentar geschrieben würde, der zeigt, was die Truppe bei solchen Vorfällen denkt.
Seltsamerweise bleiben Kommentare aber in solchen Fällen aus…
Tagesspiegel lesen – dabei gewesen:
http://www.tagesspiegel.de/meinung/du-opfer-du-jude/1867888.html
Nur eins verstehe ich nicht: Warum wird vom Tagesspiegel immer das verlangt, was er ohnehin macht?
Herzliche Grüße
Malte Lehming
[…] Der Tagesspiegel – “Tagesspiegel lesen – dabei gewesen” – wird den Angriff zeitnah in etwa drei Tagen melden […]
„Tagesspiegel lesen – dabei gewesen“ – was soll das sein: Empirie als Fortsetzung der Werbung mit anderen Mitteln? Eskapismus mit den Methoden des Journalismus?
Im Ernst, Herr Lehming: Den Ruf eines Märchenonkels – zudem eines überaus weltfremden, um nicht zu sagen provinziellen – hat das Zentralorgan, das Sie hier auffallend eifrig zu verteidigen versuchen, nicht erst seit gestern. Im Grunde weiß das beim Tagesspiegel auch jeder, aber es kann natürlich sein, dass es Ihnen noch keiner gesagt hat.
Cheers
PS: Oder geht es bei diesem Streit um Ihre Ehre? In dem Fall würde ich das interessante Gespräch mit Ihnen gerne beenden, vielen Dank.
Sehr geehrte Diskussionsfreunde,
insbesondere „Gerrit“,
Herr Arnds setzt sich genau wie viele andere Sozialpädagogen im Stadtteil Sahlkamp seit Jahren für Integration, ein friedliches Miteinander der Kulturen und gegenseitigen Respekt ein. Kritik und Hetze, Ihr „Verbaler Steinewurf“ hier, ohne eine solide Informationsbasis ist eine Ungeheuerlichkeit, auch wenn manche Äußerungen der Beteiligten naiv und vorschnell waren. Es ist zweifellos ein schlimmer Vorfall, der diskutiert und aufgearbeitet werden sollte. Fremdenfeindlichkeit, sei es Antisemitismus oder Zorn anderen Ethnien gegenüber, ist Teil eines Teufelskreises, den die schlechte Migrations- und Eingliederungspolitik mit geschaffen hat. Es fußt unter anderem auf Unkenntnis und daraus resultierend Angst gegenüber anderen Kulturen. Die Unzufriedenheit vieler Immigraten über ihre Lebensverhältnisse, wodurch sich Subkulturen bilden, die von Deutschen dann wiederum als „nicht integrationswillig“ bezeichnet werden, trägt ebenfalls dazu bei. Es liegt in diesem Bereich einiges im Argen, daher gibt es folglich auch viele Ansätze, wie man diese Situation verbessern kann, ein gutes Beispiel ist der Stadtteil Sahlkamp und seine Integrationsarbeit. Aber so wie man auch nur Abstürze und keine sicher gelandeten Flugzeuge in der Zeitung sieht, seien es auch zig-tausend zu 1, so verhält es sich leider auch hier mit der Presse. Also mein Appell: Nicht meckern und hetzen, von welcher Seite auch immer, sondern eher selbst tätig werden und die Völkerverständigung vorantreiben.
Einen schönen Tag wünsche ich. -N.