Freitag heißt ein Wochenblatt, das spätestens seit einem Relaunch zu Jahresbeginn nichts unversucht läßt, sich bei einer Klientel anzubiedern, die das HJ-FDJ-Blatt Junge Welt als eine Tageszeitung zu schätzen weiß. Der „neue“ Freitag kooperiert mit dem britischen Guardian, dessen Nahost-Berichterstattung sich ungefähr gar nicht von jener der Jungen Welt unterscheidet, und läßt vorzugsweise Geistesgrößen zu Wort kommen wie den bei linken wie rechten „Israelkritikern“ gleichermaßen beliebten Uri Avnery oder einen Rudolf Walther, der unter der Überschrift „Was genau sagte Ahmadinedschad in Genf?“ wohl einen bestimmt ganz, ganz mutigen Text erbrochen hat.
Seine Frage kann erwartungsgemäß der Rudolf Walther nicht beantworten. Und das hat auch einen Grund, den er so beschreibt:
„Und was genau sagte Ahmadinedschad jetzt in Genf? Das ist nicht leicht herauszufinden. Keine einzige große Zeitung druckte auch nur Auszüge der Rede.“
War da vielleicht jene Lobby am Werk, welche mindestens die „großen Zeitungen“ kontrolliert? Oder ist Rudolf Walther schlicht zu dumm, beim Partnerblatt The Guardian nachzuschauen, das immerhin ein offizielles Redemanuskript anbietet? Ist der Autor des Freitag damit überfordert, eine Suchmaschine seiner Wahl zu befragen? Er hätte auch eine Mitschrift des UN-Webcasts finden können. Wie einfach dagegen ist es, die eigene Inkompetenz mit den Worten zu camouflieren, „keine einzige große Zeitung druckte auch nur Auszüge der Rede.“ Weshalb denn auch? Es geht Rudolf Walther ja vielmehr darum, was Mahmoud Ahmadinejad, offenbar ein Demokrat allererster Güte, der „sich bald den Wählern stellen“ muß, verhinderte:
„Die israelische Regierung ihrerseits verhindert seit Jahren, dass über ihr Besatzungsregime, das seit dem Mauerbau und den damit verbundenen Schikanen für die palästinensischen Bevölkerung immer mehr dem südafrikanischen Apartheid-Regime gleicht, diskutiert wird.
Außer den mächtigen, aber nicht sehr zahlreichen Verbündeten der israelischen Regierung ist der Lautsprecher Ahmadinedschad der zuverlässigste Partner beim Verhindern einer Debatte dieses Besatzungsregime. [sic!]“
Liest Rudolf Walther die Süddeutsche Zeitung? Assoziiert er mit dem Kürzel FAZ eine „Zeitung für Deutschland“? Blättert er im Guardian, der New York Times? Vielleicht ist aber die Apothekenrundschau eine jener „großen Zeitungen“, die Rudolf Walther meint, wenn er eine „Debatte“ über „dieses Besatzungsregime“ vermißt. Wie ist das eigentlich im Freitag? Und wie soll das überhaupt gehen, wenn doch Mahmoud Ahmedinejad in der Tat keine Gelegenheit ausläßt, „Debattenbeiträge“ über die Untaten der Zionisten abzuliefern? Wer an Israels Grenzen eine „Apartheidmauer“ halluziniert, der sieht an anderer Stelle den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Nachdem also herausgearbeitet wurde, welch schlimmer Debattenverhinderer Mahmoud Ahmadinejad ist, muß er aber auch gelobt werden von Rudolf Walther. Und zwar für das, was er, der Präsident der Islamischen Republik Iran, in Genf nicht gesagt hat.
„Sicher ist, dass Ahmadinedschad nicht den Holocaust leugnete, wie einzelne Medien kolportierten, sondern, so berichtete es die NZZ, vom ‚Missbrauch des Holocausts‘ warnte. [sic!]“
Und das, so Rudolf Walther, sei sogar „gelegentlich nötig“. Gut, daß es Mahmoud Ahmadinejad gibt, der auch etwas anderes nicht gesagt hat, wie Rudolf Walther herausfand:
„Im März 2008 soll der iranische Präsident gesagt haben ‚Israel must be wiped off the map‘ (Israel muss von der Landkarte weggewischt werden). [..] Das Problem jenes Satzes – er wurde erfunden. Die sprachkundige Wissenschaftlerin Katajun Amirpur hat genau hingesehen. Von ‚Landkarte‘ und ‚wegwischen‘ redete der iranische Präsident nirgends.“
Das „Problem“ jenes Satzes ist in der Tat, daß er erfunden wurde, und zwar von Ausdenker Mahmoud Ahmadinejad und weitergegeben beispielsweise von der staatlichen iranischen IRIB:
Doch zurück nach Genf. Dort also „[verlasen] der greise Elie Wiesel und der Skandalisierungsexperte Bernard-Henri Lévy [..] vor laufenden Kameras ganz alte Textbausteine“, während Mahmoud Ahmadinejad nicht den Holocaust leugnete und darüber hinaus etwas sagte, das Rudolf Walther nicht einmal in Auszügen in „großen Zeitungen“ zu finden vermochte. Da ist es schon verzwickt, herauszufinden, „was genau sagte Ahmadinedschad in Genf?“ Einer, den Rudolf Walther schließlich als „Nahost-Experte“ einführt, hilft auch nicht wirklich weiter. Dieser, er heißt Arnold Hottinger, nämlich erklärte „in einem Interview mit dem Schweizer Tagesanzeiger, Ahmadinejad habe ’sich in Sachen Holocaust gemäßigt'“ und sei „nicht der Teufel, zu dem er gestempelt wird“. Sondern einer, der „auf Punkte [hinweist], die diskutiert werden müssen – etwa die Staatsgründung Israels.“ Und zwar so:
„Ahmadinejad: Israel must be wiped off the map“
Oder war das jetzt der Arnold Hottinger? Was genau will Rudolf Walther im Freitag sagen?