Gossenblick

Trotzdem deutsche Medien, allen voran natürlich die staatlichen Rundfunkanstalten, mit im Vergleich zu weitaus größeren Weltgegenden zahlreichen Vertretern in Israel präsent sind, ist deren Zahl überschaubar. Hinzu kommt, daß – von Ulrich W. Sahm vielleicht abgesehen – diese Nahost-„Korrespondenten“, die das Israel-Bild ihrer Zuhörer und Zuschauer prägen, immer wieder durch Analysen und Kommentare auffallen, die austauschbar wirken.

Ob es Clemens Verenkotte ist, der der israelischen Regierung bescheinigt, den Untergang der jüdischen Demokratie zu beschleunigen, oder der Sebastian Engelbrecht, das läßt oft tatsächlich sich nur am Autorenkürzel erkennen. Eine durch vielfältige, also vor allem auch kontroverse Meinungen gekennzeichnete Nahost-Berichterstattung findet für das deutsche Publikum nicht statt, vielmehr wird es mit einer Einheitsmeinung konfrontiert und durch diese beeinflußt.

Wenn beispielsweise die tagesschau nahezu ausschließlich die in Israel eher selten gelesene Haaretz zitiert, liegt eine gewisse Voreingenommenheit derer, die just diese Quelle auswählen, auf der Hand, auch wenn das der zuständige Chefredakteur noch so sehr verneinen und versprechen mag, „auch [!] in Zukunft in hohem Maße auf unsere politische Unabhängigkeit achten“ zu wollen. Ein Fan Avigdor Liebermans wäre in jedem Fall eine Bereicherung für ARD, ZDF und Deutsche Welle.

Weil aber ein Journalist, der etwa Avigdor Liebermans Ansichten verteidigenswert findet, kaum Aussicht auf eine Karriere bei diesen Medien hat, verdient deren Berichterstattung eine kritische Begleitung. Und da die Zahl deutscher Israel-Korrespondenten eben doch alles andere als unendlich ist, ist es nicht unwahrscheinlich, daß einige Köpfe eben immer wieder Anlaß zu einer Medienkritik geben. Dem Portal haGalil allerdings erscheint das sehr, sehr verdächtig:

„Schmierfinken, Gossenjournalisten und Lumpenjournalismus sind Begriffe, die bis heute in unheilvoller Tradition immer wieder genutzt werden, um die Publikation unliebsamer Meinungen zu diskreditieren. Dabei geht es vornehmlich nicht um eine inhaltliche Auseinandersetzung mit strittigen Themen, sondern vielmehr darum, den Journalisten als Person zu diskreditieren und seine Redlichkeit in Zweifel zu ziehen.“

Und besonders übel mitgespielt wird dabei, so Ramona Ambs, etwa Richard C. Schneider, Leiter des ARD-Studios in Tel Aviv:

„Auch Richard Chajm Schneider, Nahostkorrespondent der ARD, sieht sich heftigen Angriffen auf seine Person ausgesetzt. Ein nach Israel ausgewanderter Rostocker namens Ulrich J. Becker wirft ihm in seinem Blog regelmäßig ‚unserioesen, einseitigen Journalismus gegen Israel‘ vor.“

Während wir nun noch rätseln, weshalb es erwähnenswert sein könnte, daß ein medienkritischer Blogger „ein nach Israel ausgewanderter Rostocker“ ist, sind wir uns doch recht sicher, daß Richard C. Schneider recht oft tendenziös „berichtet“, was kein Problem wäre, gäbe es ein Gegengewicht, aber eben auch ausgesprochen unseriös. Wie anders sollte man es nennen, erklärt Richard C. Schneider wahrheitswidrig Gaza zum nudelfreien Gebiet?

Wie anders als tendenziös sollte man es nennen, wenn ein „Bericht“ Richard C. Schneiders eingeleitet wird mit diesen ressentimentgeladenen Worten:

„Wenn Archäologen nach alten Steinen graben, hat das mit Politik nichts zu tun, sollte man meinen. Aber das gilt nicht in Israel, und schon gar nicht in Jerusalem. Dort instrumentalisieren orthodoxe Siedler die Suche nach verschütteten Mauern für ihre Ziele. Sie graben ein ganzes Viertel des modernen Jerusalem um auf der Suche nach der Stadt des biblischen Königs David. Daß das Stadtviertel Silwan von Palästinensern bewohnt wird, stört natürlich, die sollen lieber weg. Die Regierung Netanjahu genehmigt unterdessen munter den Ausbau neuer jüdischer Siedlungen. Und sie unterstützt das Graben nach der Davidstadt.“

Ramona Ambs kommen nicht darüber die Krokodilstränen. Sie beklagt vielmehr, „dass man sich gerade in Deutschland, ähnlich auch in Österreich, so wenig für Meinungsvielfalt begeistern kann“, um ein paar Worte weiter jene, die sich eben auch mit Richard C. Schneider auseinandersetzen, der Diffamierung zu bezichtigen und ihnen undemokratisches Verhalten vorzuwerfen:

„Sich inhaltlich mit Positionen auseinandersetzen und eine Meinung durch Sach-Argumente zu begründen, ist ja auch zugegebenermaßen viel anstengender, als den Urheber eines Textes zu diffamieren. Letzteres klappt immer irgendwie und bringt auch viel Applaus in den eigenen Kreisen.“

Schöner freilich hätten auch wir nicht zusammenzufassen vermocht, was Ramona Ambs‘ seltsames Pamphlet charakterisiert.

2 Comments

  1. Danke fuer diesen Beitrag.
    Was ich auch so lustig finde, ist dieses ueberraschte Tun, warum denn nun ‚ausgerechnet‘ Schneider bei aro1 so oft kritisiert wird.

    Zum einen wuerde er nicht kritisiert werden, wenn er nicht immer wieder Kritisierenswertes produzieren wuerde, klar.
    Aber zum anderen ist er nun mal in bezug auf die oeffentliche Meinungsbildung gegenueber Israel in der deutschen Presse wohl die einflussreichste Person, denn er ist der Nr. 1 Korrespondent der Nr. 1 deutschen Nachrichten in Israel und das ist der beste Grund, ersteinmal seine Artikel und Behauptungen zu pruefen als irgendeinen drittklassigen Journalisten eines Blattes, dass kaum einer liest…

  2. 1) Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie gerne diese Leute – hier Frau Ambs resp. Herr Schneider – anderen Verhalten vorwerfen, das sie selbst am laufenden Band an den Tag legen.
    2) So langsam verkommt haGalil immer mehr zu einem Medium, auf das man lieber verzichten mag.

Comments are closed.