Es ist immer wieder ein Genuß, von deutschen „Experten“, die sich für Experten halten und auch noch einen Professorentitel mit sich herumtragen, zu lesen. Wie mag Udo Steinbach den einen wie den anderen Titel sich wohl erschwinverdient haben?
„Die Israelis haben Hamas über Jahre als Gegenpol zur Fatah und PLO Jassir Arafats unterstützt.“
1987 gegründet, ging die Hamas sofort auf Konfrontationskurs zu Israel (und in der Tat zur PLO). Joseph Croitoru schreibt in seinem Band Hamas. Der islamische Kampf um Palästina (München 2007) über eine Erklärung der islamischen Terroristenbande:
„Ihrer ablehnenden Haltung gegenüber der PLO-Entscheidung, Friedensverhandlungen mit Israel aufzunehmen, verliehen die Islamisten noch einmal in einem gesonderten Flugblatt Nachdruck. [..] Die Hamas sei ins Leben gerufen worden, hieß es eingangs, um den Dschihad zu führen bis zur ‚totalen Befreiung des gesamten Palästina‘. Zur Verwirklichung dieses Ziels habe sie auch den Ausbruch der Intifada am 8. Dezember 1987 initiiert.“ (S. 104f.)
Die 1. Intifada dauerte bis 1993 an, und sie zeichnete sich nicht unbedingt durch zivilen Ungehorsam aus. Mit Steinen, aber auch mit Autobomben und suicide bombings griffen „palästinensische“ Terroristen Angehörige der israelischen Streitkräfte ebenso an wie israelische Zivilisten.
„Die Israelis“, meint nun der „Experte“, hätten die Hamas in einer solchen Situation „unterstützt“. Das kann man wohl nur annehmen, wenn man vorn Udo und hinten Steinbach heißt. Joseph Croitoru erläutert näher, wie Israel die Hamas „unterstützte“:
„Die Veröffentlichung ihrer Charta blieb für die Hamas nicht ohne Folgen. Die israelische Besatzungsbehörde hatte spätestens zu diesem Zeitpunkt erkannt, dass die Umwandlung der palästinensischen Muslimbrüder-Bewegung in eine Kampforganisation in vollem Gange war. So wurden bereits zwei Wochen später, am 1. September 1988, der Hamas-Mitbegründer Salah Schachada von den Israelis verhaftet. In den nächsten Wochen folgten weitere Festnahmen führender Organisationsmitglieder, wie die Ibrahim al-Jazuris Anfang Oktober.“ (S. 103)
Wenn Udo Steinbach dieses Vorgehen als Unterstützung bezeichnet, sind Gespräche bei Tee und Kuchen wohl Bekämpfung. Aber der „Experte“ weiß noch mehr:
„Meines Wissens nach hat es in den 90er Jahren nicht einen einzigen Anschlag gegeben, an dem die Hamas beteiligt gewesen wäre.“
Es dauerte die 1. Intifada, die Hamas beansprucht die Urheberschaft an ihr, bis 1993, aber auf dem Planeten Steinbach begannen die „90er Jahre“ vermutlich noch gar nicht.
„Hamas-Aktivisten hatten im November 1992 die erste Autobombe der palästinensischen Islamisten [..] im Tel Aviver Ballungsraum zünden wollen. [..] Mit dem Scheitern des Anschlags fiel der Startschuss für die erste Selbstmordoperation der Hamas. Der jordanische Hamas-Zweig befahl dem Anführer der Qassam-Brigaden in der nördlichen Westbank, Abdel Hakim Hanini, nun zur Waffe des Selbstmordattentats zu greifen.“ (S. 127)
„Am 13. Dezember 1992 fanden die Anschläge der Hamas in der Ermordung des israelischen Grenzschutzpolizisten Nissim Toledano einen vorläufigen Höhepunkt.“ (S. 125)
„Der Selbstmordanschlag mit einer Autobombe war für den 16. April 1993 geplant [..]. Der erste Todesfahrer der Hamas, Saher al-Tamam, ein Mitglied der Qassam-Brigaden, sprengte sich mit seinem Fahrzeug zwischen zwei Bussen, die vor einem Imbisslokal in der Nähe der israelischen Siedlung Mechola im Jordantal parkten, in die Luft. [..] Auf ihrer Internetseite bekennt sich die Hamas offen zu diesem Anschlag, den sie als ‚heldenhafte Märtyrertod-Operation‘ zelebriert, und nennt auch den Namen des Täters.“ (S. 128)
„[A]llein im Jahr 1993 wurden neunundfünfzig Israelis bei meist von der Hamas verübten Anschlägen getötet [..].“ (S. 129)
„Die Anstifter, angespornt von der Durchschlagskraft der ersten Todesoperationen der Qassam-Brigaden, ließen nun immer mehr Selbstmordattentäter, deren bevorzugte Ziele nach wie vor Busse waren, ausschwärmen, was die Zahl der zivilen Todesopfer auf israelischer Seite immer höher trieb.“ (S. 130)
„Im Laufe des Jahres 1995 verübten die Qassam-Brigaden mehrere blutige Anschläge und drei Selbstmordattentate, die die Islamisten als durchschlagenden Erfolg feiern konnten [..].“ (S. 132)
„Am 25. Februar 1996 rissen Selbstmordbomber der Qassam-Brigaden bei zwei Anschlägen auf Busse in Jerusalem und Aschkelon siebenundzwanzig Menschen mit sich in den Tod.“ (S. 133)
„Aber nur wenige Tage später stellten die Qassam-Brigaden den Israelis ein als Waffenstillstandsangebot getarntes Ultimatum bis zum 8. März [..]. [N]och vor Ablauf des Ultimatums [schlugen die Selbstmordterroristen] wieder zu. Einer bombte sich in Jerusalem in einem Bus in die Luft, der andere in Tel Aviv vor einem Einkaufszentrum. Über dreißig Israelis wurden bei diesen Anschlägen getötet, zahlreiche verletzt.“ (S. 133f.)
Dazu noch einmal der „Experte“:
„Ich bin definitiv nicht der Ansicht, dass es sich bei Hamas um eine Terrororganisation handelt.“
Wurde auf dem Planeten Steinbach eigentlich der Tonfilm schon erfunden?
Nachtrag: Auch Claudio Casula befaßt sich mit dem „Experten“.
Ich auch:
http://heplev.wordpress.com/2010/02/06/demonstrieren-tun-die-dummen-die-intelligenten-leisten-widerstand/