Als die NSDAP 1920 sich eine Flagge gönnte, konnte deren „Schöpfer“ Adolf Hitler auf ein längst bekanntes Symbol zurückgreifen. „[D]as Hakenkreuz war bereits als völkisches und antisemitisches Zeichen fest etabliert.“ In Mein Kampf schreibt der Führer, „im Hakenkreuz [sehen wir] die Mission des Kampfes für den Sieg des arischen Menschen und [..] den Sieg des Gedankens der schaffenden Arbeit, die selbst ewig antisemitisch war und antisemitisch sein wird.“
Zeugt zwar die Verwendung des Hakenkreuzes nicht gerade von der Kreativität des arischen Menschen, so muß man des Führers Deutschen immerhin bescheinigen, daß es ihnen nachhaltig gelungen ist, das Hakenkreuz zu ihrem Markenzeichen zu machen. Untrennbar ist es mit ihnen verbunden und dem, was sie in schaffender Arbeit erreichten: die antisemitisch begründete industriemäßig organisierte Vernichtung von 6 Millionen Menschen, die ihnen als Juden galten.
Darum weiß, wer das Hakenkreuz verwendet, es an Hauswände malt oder in Parkbänke ritzt. Und weiß er es nicht, so ahnt er es zumindest. Denn ohne diesen Hintergrund wäre das Hakenkreuz in der Tat einfach nur ein Hakenkreuz und hätte keinerlei negative Bedeutung, vermochte wohl niemanden zu erschrecken. Ohne den mit ihm verbundenen Antisemitismus, ohne den Holocaust wäre das Hakenkreuz schlicht harmlos und daher denkbar ungeeignet, Haß oder Ablehnung auszudrücken.

Und doch meint die Anti Defamation League (ADL) nun, dem Hakenkreuz eine doppelte Bedeutung beimessen zu können. Die NGO, die sich der Bekämpfung des Antisemitismus widmet, zählt auch antisemitische „Vorfälle“. Anhand dieser traurigen Statistik läßt sich sagen, wie verbreitet Antisemitismus ist, wie gewalttätig er sich manifestiert. Für den Jahresbericht 2009 freilich war Hakenkreuz nicht gleich Hakenkreuz:
„[T]he 2009 Audit was significantly revamped to improve reporting methods and update some evaluation criteria. [..] As a result, the 2009 total of 1,211 incidents does not include incidents that would have been categorized as anti-Semitic under the previous Audit system.“
Die neue(n) Bewertung(en) des Hakenkreuzes versucht Deborah Lauter, Direktorin der ADL-Bürgerrechts-Abteilung, zu beschreiben. Danach gilt zwar ein Hakenkreuz auf einer Parkbank in Lakewood, New Jersey, als antisemitisch, nicht jedoch eines auf einer Bank in Salem County, ebenfalls in New Jersey. Leben in Lakewood viele Juden, gibt es in Salem County keine nennenswerte jüdische Gemeinde. Und wo keine Juden leben, gibt es keinen Antisemitismus:
„An ADL investigation surmised that because there was no significant Jewish community in the area it [the swastika] was more likely an act of general hate and therefore wasn’t included in the audit.“
Kein Antisemitismus in der Stadt, und doch ziehen die Juden aus Lakewood, wo sie Ziel antisemitischer Schmierereien sind, nicht um nach Salem County? Würde die ADL vom Umzug abraten? Immerhin ist ein „act of general hate“ ja auch nicht gerade eine Einladung. Oder vielleicht doch? Da es sich laut ADL bei einer Hakenkreuz-Schnitzerei nicht um einen zählenswerten antisemitischen Vorfall handelt, müßten gerade Juden sich in Salem County willkommen fühlen.
Ab Mai 1945, die Alliierten hatten der Deutschen Wehrmacht gerade zur bedingungslosen Kapitulation bomben müssen, gab es unter den Deutschen nur noch Antifaschisten und – schlimmstenfalls – Mitläufer, die nichts gewußt hatten. Antisemiten gab es auch nicht mehr. Ein paar Jahre zuvor war das noch anders gewesen. Wohin verschwanden jene, die etwa 1937 noch stolz waren auf ihren Antisemitismus? Und lebten sie noch, was wurde aus ihrem Antisemitismus?
„An ADL investigation surmised that because there was no significant Jewish community in the area it was more likely an act of general hate and therefore wasn’t included in the audit.“
Denkt man einigermaßen konsequent weiter, was die neuen ADL-Statistiken „realistischer“ werden lassen soll, muß mit den Juden der Deutschen Antisemitismus in den Vernichtungslagern im Osten ‚verschwunden‘ sein, bekäme der Holocaust auf gewiß verquere Weise nicht nur einen positiven Sinn, sondern müßte wohl auch als ein Akt eines deutschen Kampfes gegen den eigenen Antisemitismus mit allerdings vielen Kollateralschäden verstanden werden.
Wird die Anti Defamation League den Führer demnächst posthum ehren, weil er den Deutschen den Antisemitismus austrieb?
(H/t: Clemens Heni)