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Nach dem Denken

Antisemitismus, den Befund teilen Betroffene wie Beobachter, ist auf dem Vormarsch in Europa. Zu »altem« Judenhaß, der wieder aufblüht, gesellen sich neue Formen des Phänomens, nicht selten hervorgegangen aus und beeinflußt vom einst aus Europa exportierten »ältesten Haß der Welt«. Immerhin die Frage, was denn am besten gegen Antisemitismus zu tun sei, scheint – endlich – beantwortet.

Zwei deutschen Denk …, ach was, Nachdenkern, Albrecht Müller und Jens Berger, fiel die so einfache wie verblüffende Lösung nach einer eingehenden Analyse des Problems ein: »Der alte und schlimme Antisemitismus«, beschreiben sie ihre Erkenntnisse, »nutzte geschickt die Unterstellung, Juden würden sich Vorteile dadurch verschaffen, dass sie abgesprochen und gemeinsam handeln«.

Erfolge im Einsatz gegen Antisemitismus sind daher zumeist nur vermeintliche. Denn sie haben das Potential, »genau dieses Vorurteil« zu befördern: Wem es etwa gelinge, »dass bereits zugesagte Veranstaltungsorte wieder zurückgezogen werden oder Veranstaltungen gar verbieten zu lassen«, erwecke nämlich »den Eindruck, über ein besonderes Netzwerk und besondere Macht zu verfügen«.

»Auffallend ist, dass längst vergessen geglaubte antisemitische Stereotype durch den angeblichen Kampf gegen den Antisemitismus heute ihre Wiedergeburt feiern.«

Und so liegt die Lösung des Problems denn auf der Hand: Wer den Antisemitismus tatsächlich zurückdrängen will, darf ihn keinesfalls anprangern. Nicht Aktionismus hilft gegen Antisemitismus, sondern Nichtstun. Nur so nämlich besteht eine Chance darauf, daß »längst vergessen geglaubte antisemitische Stereotype« auch wirklich in Vergessenheit geraten – Aufmerksamkeit ist gefährlich.

Nun bleibt zu hoffen, daß sich das, was Albrecht Müller und Jens Berger so verdienstvoll ersonnen haben, herumspricht. Denn es gibt viel zu tun, Antisemitismus die so verhängnisvolle Aufmerksamkeit zu entziehen, die er heute, gerade heute, noch bekommt. Antisemitismus muß unter allen Umständen ignoriert und übersehen werden. Erst wenn er Normalität ist, wird er nicht mehr sein.