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Relotius der Woche

Nachdem man vor einer Woche in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über Umtriebe der »israelische[n] Regierung und ihre[r] publizistischen Helfer in Deutschland« lesen durfte, fragt man sich nicht mehr, weshalb Jochen Stahnke das Abonnentengebiet verließ. Weshalb er sich aber vor den publizistischen Helfern Benjamin Netanjahus nach Israel flüchtete, das ist und bleibt ein Rätsel.

Denn so richtig angekommen scheint der »Correspondent for Israel, the Palestinian Territories and Jordan« der FAZ auch in Tel Aviv nicht zu sein. Zwar mag er dort sein, ganz da aber ist er gewiß nicht. Das wird deutlich, tut man sich an, was er über Manama herausgefunden hat, die Konferenz, auf der in der letzten Woche 50 Milliarden Dollar an die »Palästinenser« verteilt werden sollten.

»Dass Washington nicht nach einer fairen oder wenigstens pragmatischen Lösung« für den Konflikt zwischen »Palästinensern« und Israel »sucht, bewies es«, so dieser tapfere Repräsentant des publizistischen Widerstands gegen Benjamin Netanjahu, »indem es offizielle Vertreter aus Ramallah nicht nach Bahrain einlud«. Leider nur passen hier Behauptung und Realität überhaupt nicht zueinander.

Von Tel Aviv ist es nicht weit nach Ramallah, im Internet sind es sogar nur ein paar Sekundenbruchteile. Für einen Jochen Stahnke ist es dennoch zu weit, denn sonst wäre ihm nicht entgangen, was PLO-Generalsekretär Saeb Erekat am 22. Mai im Namen »Palästinas« verkündet hatte: »Palästina wird nicht an dem Treffen in Manama teilnehmen. Das ist die kollektive palästinensische Haltung.«

Hätte es keine Einladung nach Manama an Ramallah gegeben, warum machte sich Al-Monitor am 5. Juni Gedanken darüber, »weshalb die Araber Druck auf die Palästinenser ausüben, um an dem Treffen in Bahrain teilzunehmen«? Wie sein Kollege Patrick Bahners steht Jochen Stahnke mit der Wirklichkeit auf Kriegsfuß. Mußte man ihn deswegen zum Auslandskorrespondenten hochstapeln?

Dissident

»Mit der Berliner Mauer«, schrieb Eike Geisel einst, »fiel nicht nur die Begrenzung eines von Deutschen erstmals für die eigene Bevölkerung errichteten Ghettos. Mit jedem Stein, der aus der Mauer gehämmert wurde, fiel den Deutschen vor allem eine Zentnerlast vom Herzen. Denn es verschwand ein markantes Erinnerungszeichen an die selbstverschuldeten Gründe für die Teilung des Landes.«

Drei Jahrzehnte nach der »friedlichen Revolution« in und dem ihr folgenden Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes ist es in Deutschland wieder en vogue, über Antisemitismus als Frage der Meinungsfreiheit zu debattieren und all die, die das widerwärtig finden, als »Sprachpolizei« zu beschimpfen, wie der Blick in die Zeitung für Deutschland vom vergangenen Sonntag zeigt.

An einem Wochenende, an dem rechter Terror Schlagzeilen und Talkshows dominiert, jammert Patrick Bahners, Kulturkorrespondent der FAZ, nicht mehr Herr im Haus zu sein: »Die israelische Regierung und ihre publizistischen Helfer in Deutschland drängen auf ein strafbewehrtes Regime kleinteiliger Sprachregelungen«, mit denen sie »die Zahl der Antisemiten ständig« anwachsen ließen.

Nachdem er wenige Zeilen zuvor für Toleranz für die BDS-Bewegung als »Notbehelf eines Volkes ohne Staat« geworben hat, ist die These durchaus gewagt, schon »ein fehlendes Satzzeichen oder ein falscher Modus kann zum Ausschluss aus dem Diskurs führen«. Tatsächlich indes belegt Patrick Bahners’ Text das Gegenteil: Antisemitismus ist längst daheim in der »Mitte der Gesellschaft«.

Und das kann die FAZ – das A stand freilich nie für überbordenden Antifaschismus – nicht einfach ignorieren. In Zeiten, in denen auch der Zeitung für Deutschland die zahlenden Abonnenten davonlaufen, will der Rest der Leser zielgruppengerecht bedient werden, von den Umtrieben der »israelische[n] Regierung und ihre[r] publizistischen Helfer in Deutschland« lesen, was er immer ahnte.