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Normalisierung der Barbarei

Im Dezember 2020 veröffentlichten »Leiterinnen und Leiter von zwanzig öffentlichen Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen in Deutschland« und »weitere Unterstützende«, die nach eigener Auskunft der »staatliche Auftrag« verbindet, »Kunst und Kultur, historische Forschung und demokratische Bildung zu fördern und der Allgemeinheit zugänglich zu machen«, ihr Plädoyer »GG 5.3 Weltoffenheit«.

Mit ihrem Aufruf reagierten dessen Unterzeichner auf eine wenige Monate zuvor von den Abgeordneten des Deutschen Bundestags in Berlin verabschiedete unverbindliche Resolution, mit der sich die Volksvertreter mehrheitlich gegen jede staatliche Unterstützung für Veranstaltungen von und mit Vertretern und Unterstützern der in aller Welt aktiven antisemitischen BDS-Bewegung ausgesprochen hatten.

Für die Mitglieder der »Initiative GG 5.3 Weltoffenheit« stellte die »BDS-Resolution« der Parlamentarier einen Versuch dar, »wichtige lokale und internationale Stimmen aus dem kritischen Dialog« auszugrenzen. »Unter Berufung auf diese Resolution werden durch missbräuchliche Verwendungen des Antisemitismusvorwurfs wichtige Stimmen beiseitegedrängt und kritische Positionen verzerrt dargestellt.«

Endet in wenigen Tagen im hessischen Kassel planmäßig die documenta fifteen, wird die dann 100 Tage lang zugänglich gewesene »Kunstausstellung« den Beweis nicht nur dafür erbracht haben, daß der Antisemitismus des »globalen Südens« nicht weniger häßlich und einfallslos ist als der des Nordens, sondern gezeigt haben, daß die von der »Initiative GG 5.3« halluzinierte »Gefahr« ein Hirngespinst war.

Denn die documenta fifteen ist eine Antisemitismusschau, die ja überhaupt erst durch üppige staatliche Zuwendungen möglich gemacht wurde. Daß sie planmäßig beendet werden kann, statt vorzeitig abgebrochen zu werden, ist ein entlarvender Beleg dafür, was offizielle Beteuerungen wert sind, Antisemitismus habe keinen Platz in Deutschland und in Europa. Mit Kassel beweisen deutsche Eliten das Gegenteil.

Wahre Verzweiflung

Der SPIEGEL hat am Dienstag ein Interview mit dem SPD-Politiker Helge Lindh veröffentlicht, in dem es um die in Kassel verantstaltete documenta fifteen geht. Die angebliche »Kunstausstellung« ist trotz immer wieder erneuerter Antisemitismusvorwürfe, die zuletzt durch Mitglieder des Gremiums zur fachwissenschaftlichen Begleitung der Veranstaltung untermauert wurden, noch immer öffentlich zugänglich.

»Wir«, gibt Helge Lindh sich am Ende des Interviews irgendwie selbstkritisch, »müssen uns alle fragen, warum wir nicht früher reagiert und Maßnahmen ergriffen haben«. Versteckt ein Politiker sich hinter Begriffen wie »wir alle«, ist das freilich nicht selten tatsächlich der Versuch, sich tatsächlicher Verantwortung zu entziehen. Wenn »wir alle uns« etwas »fragen« müssen, ist Fehlverhalten nicht mehr individuell zuordenbar.

Und so kann es auch kaum verwundern, daß Helge Lindh, der das Interview vor dessen Veröffentlichung gewiß erst hat freigeben müssen, gar nicht auffiel, wie sehr er sich mit dieser speziellen Art der »Selbstkritik« im Zusammenhang mit einer früheren Aussage im Interview bloßstellt. »Haben Sie mal ein ernste [sic!] Wort« mit dem documenta-Aufsichtsrat Christian Geselle »geredet?« wird er da etwa gefragt.

»Nein, das habe ich nicht«, antwortet der Sozialdemokrat, um auf Nachfrage (»Warum nicht?«) zu erwidern: »Ich halte nichts davon, die Verantwortlichen vor Ort aus Berlin zu belehren.« In Berlin ist der Sozialdemokrat als Abgeordneter im Deutschen Bundestag Mitglied mehrerer Ausschüsse, darunter der für Kultur und Medien. Warum also hat der Kulturpolitiker »nicht früher reagiert und Maßnahmen ergriffen«?

Da werden auf einer mit Bundesmitteln überhaupt erst ermöglichten Veranstaltung, die eine der »weltweit bedeutendsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst« sein will, antisemitische Schmierereien gezeigt und Terror gegen Juden glorifiziert. Doch MdB Helge Lindh, der damit bestimmt nichts zu tun haben will, kann, leider, leider, gar nichts machen, weil er »nichts davon« hält, »die Verantwortlichen vor Ort aus Berlin zu belehren«.

Aber Helge Lindh fühlt sich dennoch ernsthaft berufen, »uns alle« – und nicht etwa zunächst einmal sich selbst – fragen zu dürfen, »warum wir nicht früher reagiert und Maßnahmen ergriffen haben«. Antisemitismus ist wohl ein Entfernungsproblem. »Ich schätze die Vorgänge anders ein als Christian Geselle«, doch zwischen Berlin und Kassel liegen nun einmal mindestens 300 Kilometer. Und das ist einfach nicht zu ändern.

Verleugnung

Die Kuratoren der »Kunstausstellung« documenta fifteen haben am Mittwoch Vorwürfe zurückgewiesen, eine in Kassel gezeigte algerische Broschüre enthalte antisemitische Karikaturen. Das »Künstlerkollektiv« ruangrupa und das Künstlerische Team der Veranstaltung teilten mit, die von einem syrischen Zeichner gestalteten Karikaturen seien »eindeutig nicht antisemitisch«, entsprechende Vorwürfe »Fehlinterpretationen«.

»Auf keinem der Bilder werden Menschen jüdischen Glaubens abstrakt dargestellt«, heißt es in einer Erklärung, aus der verschiedene Medien zitieren, »der Davidstern auf den Helmen von Soldaten« sei »das Symbol des israelischen Staates«, es gebe daher »keine Zweideutigkeit« (*). Im übrigen hätten »alle Karikaturen [..] eine bestimmte Geschichte«, die kritisierten Darstellungen repräsentierten »Propagandakunst der damaligen Zeit«.

Mit dieser Stellungnahme, die die Darstellung israelischer Soldaten u.a. als (Kinder-)Mordmaschinen vom Vorwurf des Antisemitismus freispricht und sie mit dem »historischen Kontext« gar zu rechtfertigen versucht, setzt sich die Reihe der antisemitischen »Vorfälle« der documenta fifteen nahtlos fort. Während zahlreiche Experten einig sind in ihrer Kritik, leugnen ruangrupa und Veranstalter aniisraelischen Antisemitismus.

Nachdem mit ruangrupa die indonesischen Kuratoren der »Kunstausstellung« lange zu den Vorwürfen geschwiegen hatten, war von Alexander Farenholtz, dem jüngst ins Amt berufenen Interims-Geschäftsführer der documenta fifteen, zu vernehmen, sie würden sich nicht in Worten äußern, sondern durch die Wahl der Exponate »sprechen«. Seine Stellungnahme hätte das ruangrupa-Kollektiv nun in der Tat wohl besser unterlassen.

(*) Fun fact nach dem Ende: Der Davidstern ist derweil tatsächlich so unzweideutig »das Symbol des israelischen Staates und der israelischen Armee«, daß documenta-Geschäftsführer Alexander Farenholtz im Interview von »jüdischem Militär« spricht.

»Ein positives und ein fröhliches Erlebnis«

Die als »Kunstausstellung« bezeichnete documenta fifteen im hessischen Kassel sorgt weiterhin mit antisemitischen Exponaten für Schlagzeilen und wegen des Umgangs der deutschen Organisatoren mit ihnen. Galt Interims-Geschäftsführer Alexander Farenholtz nach dem Rückzug von Generaldirektorin Sabine Schormann noch als Hoffnungsträger, hat er sich inzwischen als Fehlbesetzung entzaubert.

Sah Sabine Schormann kurz vor ihrem Abgang keinen Grund, eigenes Fehlverhalten einzugestehen, man habe doch schließlich »angemessene Maßnahmen nach Vorwürfen ergriffen«, zweifelt Alexander Farenholtz nach der (viel zu späten) Entdeckung weiterer antisemitischer Exponate nicht an der documenta fifteen: »Ich habe den Eindruck, daß die documenta weiterhin ein positives und ein fröhliches Erlebnis ist«.

Zuvor war die »Kunstausstellung« mit einer auf ihr gezeigten Broschüre erneut in die Schlagzeilen geraten, die 1988 in Algerien veröffentlicht wurde und die Karikaturen eines syrischen »Künstlers« enthält, der israelische Soldaten als entmenschlichte Mordmaschinen dämonisiert. Die Künstlerische Leitung der documenta habe das Heft als »Archivmaterial bewertet, das im historischen Kontext entstanden sei«.

Einen – gegebenenfalls temporären – Abbruch der documenta fifteen, wie ihn verschiedene jüdische Organisationen forderten, lehnte Alexander Farenholtz in dem Zusammenhang ebenso ab wie eine Überprüfung aller Ausstellungsstücke, es bestehe ja »kein Generalverdacht gegen die documenta«. Und auch das antisemitische »Archivmaterial« wird weiter gezeigt: »Eine Entfernung der Zeichnungen ist nicht angezeigt«.

Und das ist womöglich tatsächlich eine richtige Entscheidung. Ist es in Deutschland nicht unüblich, antisemitische »Vorfälle« dadurch aus der Welt zu schaffen, daß ihre Spuren beseitigt werden, kann so jedermann sehen, was dort regelmäßig eben keinerlei Anstoß erregt oder, sollte es dann dennoch einmal geschehen, für die organisatorisch oder unmittelbar Verantwortlichen keine negativen Konsequenzen hat.

Intellektuelles Armutszeugnis

Schon ein paar Tage ist es her, daß Der SPIEGEL auf seiner Website einen Kommentar von Tobias Rapp veröffentlichte, der ob antisemitischer »Kunst« auf der documenta fifteen in Kassel empfahl, es nicht zu übertreiben: »Abhängen? Nein, aushalten. Israel wird nicht durch ein paar miserable Kunstwerke bedroht.« Zwei Wochen später sekundiert ihm Eva Menasse im gedruckten »deutschen Nachrichtenmagazin«.

Nach der Frage, ob der BND an der Entfernung eines Wandbilds beteiligt gewesen sei, kommt sie zur Sache: »Ich habe [..] keine Angst vor 20 Jahre alten antisemitischen Karikaturen aus Indonesien, auch nicht vor denen, die sie gewebt oder gemalt haben. Angst habe ich vor denen, die Walter Lübcke auf seiner Veranda erschießen oder versuchen, mit einer Maschinenpistole in eine voll besetzte Synagoge einzudringen.«

Versuchten schon vor dem auch deshalb absehbaren »Antisemitismusskandal auf der Documenta« allerlei deutschsprachigen Intellektuellen und ihre publizistischen Komplizen zu leugnen, was freilich nicht zu leugnen war, ist jetzt Verharmlosung angesagt. Da wird der erst verhüllte, dann abgehängte Antisemitismus zur »miserablen«, aber immerhin »Kunst« verklärt, dort gibt es eine schlimmere Bedrohung.

Die dürfte es allerdings immer geben. Der »linke« Politiker Diether Dehm sprach – in Kassel – einmal aus, wohin dieses Denken führt: »Antisemitismus ist Massenmord und muß dem Massenmord vorbehalten bleiben.« Beim Antisemitismus scheint nämlich nicht zu gelten, was bei »Hassrede« als Allgemeinwissen gilt: »Wer zu Hass ermuntert, ihn verbreitet, ihn anstachelt, ebnet den Weg zu Gewalt und Vernichtung«.

Entgleiste Selbstdarstellung

Kaum eine Woche ist die documenta fifteen nun dem gemeinen Publikum zugänglich, jene Schau, die auch 2022 eine der bedeutendsten der Welt sein soll für »zeitgenössische Kunst«. Vor allem freilich fiel die 15. Auflage der Veranstaltung bisher durch ihren rigiden Umgang mit Antisemitismusvorwürfen im Vorfeld auf und mit dilettantischen Versuchen danach, noch zu retten, was nicht mehr zu retten ist.

Doch der documenta fifteen ist ihr antisemitischer Charakter auch durch das Verhüllen von »Kunstwerken« oder ihre Entfernung, durch eilig improvisierte Podiumsdiskussionen oder ellenlange Statements nicht auszutreiben: Es fiel sogar dem deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier auf, daß auf der documenta »wohl keine jüdischen Künstlerinnen oder Künstler aus Israel vertreten sind«.

Eine »verpaßte Chance«, bedauert denn auch Meron Mendel, der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt/Main – auf seine sehr spezielle Art: »Es gibt palästinensische Künstler, es wäre eine schöne Gelegenheit, auch israelischen Künstlern Raum zu geben, genau solchen Künstlern, die gegen die Besatzung arbeiten, die gegen jegliche Form von Oppression in der israelischen Gesellschaft arbeiten«.

Nicht einmal darauf also sind die deutschen Gastgeber und die von ihnen üppig finanzierten indonesischen Kuratoren gekommen, ein paar Alibikünstler aus Israel einzufliegen mit den in Deutschland willkommenen Botschaften. Es lohnt daher, darüber nachzudenken, was Meron Mendels Beobachtung aussagt über die Kreise in Deutschland, die spätestens seit Januar nichts hatten wissen, jetzt aber entsetzt sein wollen.

Deutscher Wahn

Im hessischen Hanau wurden bei bewaffneten Anschlägen nach Polizeiangaben am Mittwoch mindestens neun Menschen ermordet. Nachdem längere Zeit Unklarheit über den Täter und dessen Motivation herrschte, beendeten die deutschen Sicherheitskräfte die Spekulationen am Vormittag: Nach ihren Angaben ist der Terrorist ein Deutscher, der als Sportschütze legal im Besitz von Waffen war.

Der 43 Jahre alte Mann wurde tot neben dem Leichnam seiner Mutter in seiner Wohnung in Hanau gfunden. Vor seinen Anschlägen auf zwei Shisha-Bars in der hessischen Stadt hinterließ er ein Pamphlet, dessen Inhalt kaum Zweifel an seiner rechtsextremen Gesinnung läßt: »[M]ein eigenes Volk [lernte ich] kennen, als ein Land, aus dem das Beste und Schönste entsteht und herauswächst [..].«

Diese »Volk« sei »mit dafür verantwortlich, dass wir die Menschheit als Ganzes emporgehoben haben, andererseits [..] haben [..] gewisse Personen aus meinem eigenen Land mit dazu beigetragen, dass wir nun Volksgruppen, Rassen oder Kulturen in unserer Mitte haben, die in jeglicher Hinsicht destruktiv sind«. Wer diese »gewissen Personen« sind, verriet derweil ein anderer besorgter Bürger:

»Merz ist wie Merkel Teil einer geschossenen transatlantischen Politelite, die die Völker und Kulturen im Rahmen ihrer One-World-Ideologie ins Visier nehmen. Das sind und werden niemals Freunde der Nation. Das sind und werden niemals Freunde eines deutschen Volkes und einer deutschen Nation sein [..].«

Daß des einen ausgelebter Wahn etwas mit dem ausgesprochenen des anderen zu tun haben könnte, kann freilich nur eine böswillige Unterstellung sein: »Das ist weder rechter noch linker Terror«, diagnostizierte ein Parteifreund des letzteren, »das ist die wahnhafte Tat eines Irren«, nach der »jede Form politischer Instrumentalisierung [..] ein zynischer Fehlgriff« sei. Darauf muß man erstmal kommen.