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Entgleiste Selbstdarstellung

Kaum eine Woche ist die documenta fifteen nun dem gemeinen Publikum zugänglich, jene Schau, die auch 2022 eine der bedeutendsten der Welt sein soll für »zeitgenössische Kunst«. Vor allem freilich fiel die 15. Auflage der Veranstaltung bisher durch ihren rigiden Umgang mit Antisemitismusvorwürfen im Vorfeld auf und mit dilettantischen Versuchen danach, noch zu retten, was nicht mehr zu retten ist.

Doch der documenta fifteen ist ihr antisemitischer Charakter auch durch das Verhüllen von »Kunstwerken« oder ihre Entfernung, durch eilig improvisierte Podiumsdiskussionen oder ellenlange Statements nicht auszutreiben: Es fiel sogar dem deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier auf, daß auf der documenta »wohl keine jüdischen Künstlerinnen oder Künstler aus Israel vertreten sind«.

Eine »verpaßte Chance«, bedauert denn auch Meron Mendel, der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt/Main – auf seine sehr spezielle Art: »Es gibt palästinensische Künstler, es wäre eine schöne Gelegenheit, auch israelischen Künstlern Raum zu geben, genau solchen Künstlern, die gegen die Besatzung arbeiten, die gegen jegliche Form von Oppression in der israelischen Gesellschaft arbeiten«.

Nicht einmal darauf also sind die deutschen Gastgeber und die von ihnen üppig finanzierten indonesischen Kuratoren gekommen, ein paar Alibikünstler aus Israel einzufliegen mit den in Deutschland willkommenen Botschaften. Es lohnt daher, darüber nachzudenken, was Meron Mendels Beobachtung aussagt über die Kreise in Deutschland, die spätestens seit Januar nichts hatten wissen, jetzt aber entsetzt sein wollen.

Deutscher Wahn

Im hessischen Hanau wurden bei bewaffneten Anschlägen nach Polizeiangaben am Mittwoch mindestens neun Menschen ermordet. Nachdem längere Zeit Unklarheit über den Täter und dessen Motivation herrschte, beendeten die deutschen Sicherheitskräfte die Spekulationen am Vormittag: Nach ihren Angaben ist der Terrorist ein Deutscher, der als Sportschütze legal im Besitz von Waffen war.

Der 43 Jahre alte Mann wurde tot neben dem Leichnam seiner Mutter in seiner Wohnung in Hanau gfunden. Vor seinen Anschlägen auf zwei Shisha-Bars in der hessischen Stadt hinterließ er ein Pamphlet, dessen Inhalt kaum Zweifel an seiner rechtsextremen Gesinnung läßt: »[M]ein eigenes Volk [lernte ich] kennen, als ein Land, aus dem das Beste und Schönste entsteht und herauswächst [..].«

Diese »Volk« sei »mit dafür verantwortlich, dass wir die Menschheit als Ganzes emporgehoben haben, andererseits [..] haben [..] gewisse Personen aus meinem eigenen Land mit dazu beigetragen, dass wir nun Volksgruppen, Rassen oder Kulturen in unserer Mitte haben, die in jeglicher Hinsicht destruktiv sind«. Wer diese »gewissen Personen« sind, verriet derweil ein anderer besorgter Bürger:

»Merz ist wie Merkel Teil einer geschossenen transatlantischen Politelite, die die Völker und Kulturen im Rahmen ihrer One-World-Ideologie ins Visier nehmen. Das sind und werden niemals Freunde der Nation. Das sind und werden niemals Freunde eines deutschen Volkes und einer deutschen Nation sein [..].«

Daß des einen ausgelebter Wahn etwas mit dem ausgesprochenen des anderen zu tun haben könnte, kann freilich nur eine böswillige Unterstellung sein: »Das ist weder rechter noch linker Terror«, diagnostizierte ein Parteifreund des letzteren, »das ist die wahnhafte Tat eines Irren«, nach der »jede Form politischer Instrumentalisierung [..] ein zynischer Fehlgriff« sei. Darauf muß man erstmal kommen.