Schlagwort: AfD

Bedrohliche Solidarität

Nach dem Angriff eines rechtsextremen Deutschen auf die jüdische Gemeinde in Halle versucht die Partei Alternative für Deutschland erneut, sich als die einzige politische Kraft in Deutschland zu inszenieren, die sich für jüdisches Leben einsetze. Während die AfD anderen deutschen Parteien Heuchelei vorwirft, ist es um ihre »Solidarität mit unseren jüdischen Bürgern« freilich nicht weit her.

Nachdem die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen auch mit Forderungen nach einem Verbot der Brit Mila und des Schächtens zur zweitstärksten Partei in dem Bundesland aufsteigen konnte, war es ausgerechnet Beatrix von Storch, die Berichterstatterin der Bundestagsfraktion der AfD für Antisemitismus, die jubelte, »das alte Parteiensystem [ist] Geschichte [..], die AfD ist der Spielmacher«.

Und auch bei der Landtagswahl in Thüringen hofft die AfD am Sonntag, mit denunziatorischen Forderungen nach dem Verbot der »Verstümmelung von Neugeborenen aus religiösen Gründen« und des »qualvolle[n] Schächten[s] von Tieren« zur mindestens zweitstärksten politischen Kraft zu werden. Zugleich wird Antisemitismus im Wahlprogramm nicht einmal erwähnt oder gar problematisiert.

Die »bürgerliche« Partei hat, das belegt sie mit ihren Programmen in Sachsen und Thüringen, in der Tat ein durchaus entspanntes Verhältnis zum Antisemitismus. Sie schürt antisemitische Ressentiments und ist mit ihren Forderungen, die mit der Brit Mila einen Brauch attackieren, der »so identitätsstiftend für das Judentum« ist wie kein anderer, eine Bedrohung für jüdisches Leben in Deutschland.

Unverzichtbarer Antisemitismus

Antisemitismus hat eine lange Tradition in Deutschland. Und allen Schwüren zum Trotz, es sei kein Platz für ihn in eben diesem Deutschland, gilt er mancherorts doch als unantastbar. So schmäht etwa seit sieben Jahrhunderten ein Relief an einer Mauer der Stadtkirche in Wittenberg Juden. Und noch vor gut fünf Monaten wies das Landgericht Dessau-Roßlau eine Klage gegen die »Judensau« zurück.

»Das Vorhandensein des rund 700 Jahre alten Reliefs könne nicht als Kundgabe der Nichtachtung oder Missachtung gegenüber Juden in Deutschland verstanden werden, begründete der Richter. [..] Das mittelalterliche Relief sei Teil eines historischen Baudenkmals, hieß es.«

Zwar soll, wie vor wenigen Tagen bekannt wurde, das antisemitische Relief im nächsten Januar erneut zum Gegenstand einer Verhandlung werden, doch schon heute ist klar, daß ein Urteil, das sich gegen das »historische Denkmal« richten könnte, auf wenig Verständnis vor Ort stoßen würde. Verteidigt wird das Relief nämlich nicht nur von blaubraunen, sondern auch normalen »Bürgerlichen«.

Der Ortsverband der AfD klagt über eine »Antisemitismus-Keule« und erklärt, das Relief könne unter autochthonen Deutschen – abgesehen von »einer handvoll Flachgeister« – gar kein Unheil mehr anrichten. Der heutige Antisemitismus in Deutschland habe andere Ursachen: »Eingewanderte Nordafrikaner, Afghanen, Türken und nicht zuletzt Syrer haben ihn eingeschleppt wie eine Seuche«.

Der Wittenberger Stadtrat stellte sich 2017 hinter das Relief, das zwar ein »klar erkennbares antisemitisches Motiv« zeige, aber nicht abgehängt werden dürfe, weil es längst Teil eines Ortes der »Erinnerung gegen das Vergessen [..] der deutschen Schuld« sei, »ein Aufruf« gar, »alles dafür zu tun, um eine Wiederkehr der Verfolgung und Ermordung von Menschen für alle Zeiten zu verhindern«.

Offenen Antisemitismus zur unverzichtbaren Warnung vor sich selbst zu verklären, darauf muß man erst einmal kommen. Wollte der Attentäter von Halle mit seinem Angriff auf Juden womöglich auch bloß vor einer »Wiederkehr der Verfolgung und Ermordung von Menschen« warnen – ein kleines Massaker quasi, das daran erinnern sollte, daß es doch noch viel, viel schlimmer kommen könnte?

Alternative Identität

Zwei Tage nach dem antisemitischen Anschlag von Halle bat das Morgenmagazin des ZDF am Freitag Jörg Meuthen zum Plausch, den Sprecher der Partei Alternative für Deutschland, die sich als das eigentliche Opfer des Verbrechens sieht: Vorwürfe, seine Partei habe zu einem Klima beigetragen, das solche Bluttaten begünstigte, wies der Politiker als »infam[e] politische Instrumentalisierung« zurück.

Und auch sonst schien Jörg Meuthen zu Scherzen aufgelegt. »Wir sind eine durch und durch proisraelische und projüdische Partei«, gab der Parteichef zu Protokoll, »wir setzen uns mit Nachdruck für jüdisches Leben in Deutschland ein, das für uns Bestandteil unserer Identität ist«. Und tatsächlich wirkte der außerordentlich begnadete Komödiant dabei, als meine er jedes seiner Worte ernst.

In Thüringen, wo in gut zwei Wochen ein neuer Landtag gewählt werden wird, führt die AfD unterdessen ihren Wahlkampf mit Forderungen nach einem Ende der »Duldung der Verstümmelung von Neugeborenen aus religiösen Gründen« und des »qualvolle[n] Schächten[s] von Tieren«. »Toleranz«, heißt es im Wahlprogramm der Partei Jörg Meuthens, »darf nicht in Selbstaufgabe münden!«

Es ist erst wenige Tage her, da bekräftigte Ronald S. Lauder, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, daß jüdisches Leben ohne Brit Mila und das Schächten von Tieren kaum oder gar nicht denkbar sei. Gerade die Brit Mila ist »so identitätsstiftend für das Judentum« wie kaum ein anderes Ritual, brachte auch Yael Deusel es bereits 2012 auf den Punkt, Ärztin und Rabbinerin in Bamberg.

Eine Partei, die mit ihren denunziatorischen Forderungen tatsächlich jüdisches Leben in Deutschland wohl weit nachhaltiger bedroht als gleichwohl nicht zu unterschätzender antisemitischer Terror jeglicher Provenienz, »projüdisch« zu nennen und sogar »proisraelisch«, das zeugt wahrlich von Humor. Das ZDF sollte überlegen, Jörg Meuthen eine eigene Sendung anzubieten. Sonst tun es andere.

Du bist Deutschland

Es ist ungefähr ein Jahr her, da konnte man auf einer Website, die der neuesten deutschen Volkspartei AfD mehr als nur nahesteht, lesen, diese sei »die einzige Partei in Deutschland [..], die den wirklich gefährlichen Antisemitismus, nämlich den islamischen, bekämpft«. Wie der ungefährliche Antisemitismus aussieht, der nazionale, weiß spätestens seit Yom Kippur 5780 die ganze zivilisierte Welt.

Wer freilich es wagte, vor rechtem Antisemitismus zu warnen, der wurde auf der erwähnten Website noch vor wenigen Tagen beschimpft: »Irre: Söder und Knobloch sehen Antisemitismus hauptsächlich bei ›Rechten‹«. Und in den Kommentaren tobte sich das »bürgerliche« Publikum aus: »Ich hoffe eine Horde Moslems verwähnt [Charlotte Knobloch] mal so richtig vor ihrem baldigen Ableben [sic!]«.

Heute, einen Tag nach dem antisemitischen Massaker in Halle, schreitet dort ebenfalls niemand ein, halluziniert ein Leser: »Soros ist der sichtbare Strohmann der Rothschilds u.a. Finanz-Globalisten. Er selber gehört auch zu dieser Clique.« Der inzwischen inhaftierte Mörder von Halle würde, wie Medien melden, nicht widersprechen: »The root of all these problems is the Jew«, hat er erklärt.

Der antisemitische Terroranschlag in Halle zeigt auf erschreckende Weise, wie lebendig der autochthone Haß auf Juden in Deutschland ist, wie menschenverachtend, wie entschlossen. Die Bluttat eines Täters, der wohl keiner Radikalisierung durch eine Organisation bedurfte, hält einer Gesellschaft den Spiegel vor, die nur zu bereitwillig die Augen vor dem eigenen Antisemitismus verschließt.

Pressemitteilung (*)

Antisemitismus zeigt sich, wiewohl nie verschwunden, wieder offen in Deutschland. In Internetforen wünschen Antisemiten etwa Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, unwidersprochen durch die »gemeinnützigen« Betreiber oder andere Kommentatoren, »eine Horde Moslems verwähnt [sic!] sie mal so richtig vor ihrem baldigen Ableben«.

Auf der Straße müssen Juden unterdessen mit mehr oder minder schweren tätlichen Angriffen rechnen. Im bayerischen Massing bewarf erst vor wenigen Tagen ein Mann eine Jüdin mit einem Stein und verletzte sie dabei, nachdem sie einem ihrer Söhne etwas auf Hebräisch zugerufen hatte. In der deutschen Hauptstadt Berlin attackierte derweil ein mit einem Messer Bewaffneter die Neue Synagoge.

Und während der heimische Mainstream noch meldet, »das Motiv der Tat [ließ] auch nach der Festnahme« des Angreifers »nicht klären«, wissen internationale Medien bereits, woher er stammt und daß er »Allah ist groß« gerufen habe und »Fuck Israel«. Die Alternative für Deutschland zeigt sich entsetzt von diesen und zahlreichen weiteren Vorfällen, die eine »Schande sind für unser Deutschland«.

Wie Beatrix von Storch, die Berichterstatterin der Bundestagsfraktion der AfD für Antisemitismus, in einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz in Berlin am Sonntag betonte, verteidige ihre Partei im Gegensatz zu den Altparteien im Parlament tatsächlich jüdisches Leben in Deutschland. Antisemitismus habe in Deutschland keinen Platz und müsse bekämpft und gesellschaftlich geächtet werden.

Die Politikerin kündigte an, die AfD-Führung wolle deshalb noch am Montag zu einer Großdemonstration in Berlin am kommenden Freitag aufrufen, die im Zeichen »unserer tagtäglich gelebten Solidarität mit dem jüdischen Leben in Deutschland, Europa und der gesamten Welt« stehe, wie Beatrix von Storch erklärte. Als bürgerliche Partei sei die AfD führend im Kampf gegen Antisemitismus.

»Wenn bei uns antisemitische Äußerungen getätigt werden, dann folgen Parteiausschlußverfahren«, gab die Politikerin zu Protokoll, »und zwar sofort«. Die AfD werde den »weiter dramatisch zunehmenden Antisemitismus in Deutschland« nicht akzeptieren. Die geplante Großkundgebung am Freitag sei daher Teil eines ganzen Programms von Sofortmaßnahmen, über die die Partei noch berate.

(*) Sie konnten diese Pressemitteilung nicht auf der Website der AfD verifizieren? Wir auch nicht.

Hilfswillige des Antisemitismus

Der Jüdische Weltkongreß hat vor Bestrebungen der schwedischen Zentrumspartei (Centerpartiet) gewarnt, die Brit Mila zu ächten. Wie Ronald S. Lauder, der Präsident der Organisation, die sich als Interessenvertreterin aller Juden in der Diaspora versteht, erklärte, ist »die rituelle Beschneidung [von Jungen] als grundlegender Bestandteil des jüdischen wie des islamischen Glaubens« unverzichtbar.

Ein grundsätzliches Verbot der Beschneidung, wie es die liberale Centerpartiet auf einem Parteitag am Wochenende beschlossen habe, sei »gleichbedeutend mit der Ankündigung eines Endes religiösen Lebens« der Betroffenen in dem Land. »Religions- und Glaubensfreiheit«, so Ronald S. Lauder, seien »Grundpfeiler aller demokratischen Gesellschaften«, diese Freiheiten müßten bewahrt werden.

Auch in Deutschland wird wieder über ein Verbot der religiös begründeten Beschneidung von Jungen nachgedacht. Nach der »Beschneidungsdebatte« 2012 ist es derzeit die Partei Alternative für Deutschland (AfD), die auch die Brit Mila als »Verstümmelung von Neugeborenen aus religiösen Gründen« denunziert und verbieten will, wie es in ihrem Programm zur Landtagswahl in Thüringen heißt.

Der sächsische Arm der Partei war zuvor mit seiner Forderung nach einem »Verbot der religiösen Beschneidung an Minderjährigen« zur zweitstärksten Partei in seinem Bundesland aufgestiegen. Während die AfD so (auch) jüdisches Leben in Deutschland bedroht, werben dennoch angeblich jüdische oder projüdische Scharlatane für sie und machen sich damit zu Hiwis des deutschen Antisemitismus.

Antisemitische Normalität

Jüdisches Leben in Europa gerät zunehmend unter Druck. Trauriger Alltag sind für viele Juden Anfeindungen und Ausgrenzung durch »Mitbürger«, aber auch staatlich institutionalisierter Antisemitismus nimmt zu in Europa. So gilt seit Anfang September beispielsweise in Teilen Belgiens ein Verbot des betäubungslosen Schlachtens von Tieren, das etwa Menachem Margolin deutlich kritisiert.

Von dem Verbot, so der Vorsitzende des Europäischen Jüdischen Kongresses, gehe die verheerende Botschaft aus, »daß die jüdische Gemeinschaft nicht wirklich willkommen ist«. Das Argument, das Verbot sei im Interesse des Tierschutzes, läßt Menachem Margolin nicht gelten. Bei der weiterhin als »Sport« anerkannten Jagd, würden jährlich mehr Tiere sterben als durch das rituelle Schächten.

»Einige Länder in Europa geben ihren jeweiligen jüdischen Gemeinden, ob mit Absicht oder nicht, das Gefühl, daß sie in ihrem eigenen Land nicht willkommen seien, als wären sie Bürger zweiter Klasse, als hätten sie weniger Rechte als andere Bürger«. Das sei »in der Tat eine Tragödie«. Auch in Deutschland feiert eine Partei, die sich für ein striktes Verbot des Schächtens einsetzt, Erfolge.

Bei den Landtagswahlen in Sachsen wurde die Alternative für Deutschland (AfD) am 1. September von mehr als einem Viertel der Wahlberechtigten den anderen Parteien vorgezogen. Und sie wählten die Partei gewiß nicht trotz, sondern auch weil sie »am generellen Verbot von Schächtungen« festzuhalten und »keine Ausnahmegenehmigungen [..] aus religiösen Gründen« zu wollen versprach.

Gleichzeitig setzte sich die AfD in Sachsen offensiv »für ein Verbot der religiösen Beschneidung an Minderjährigen ein«, ein Erfolgsrezept, das in wenigen Wochen der Partei in Thüringen Erfolge bescheren soll. Auch dort will die Partei laut Wahlprogramm »die Duldung der Verstümmelung von Neugeborenen aus religiösen Gründen oder das qualvolle Schächten von Tieren« alsbald beenden.

Die Bundestagsfraktion der AfD hält sich mit Beatrix von Storch eine »Berichterstatterin für Antisemitismus«, die einmal beschrieb, wie sich ihre Partei bemühe, »jüdisches Leben [..] zu verteidigen«: »Wenn bei uns antisemitische Äußerungen getätigt werden, dann folgen Parteiausschlussverfahren«. Man darf gespannt sein, wann die AfD sich von ihren Verbänden in Sachsen und Thüringen trennt.

Relotia der Woche

Am Donnerstag warf Beatrix von Storch, sie ist Mitglied im Bundesvorstand der Partei Alternative für Deutschland (AfD), Michael Müller, dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, »einen Akt von Antisemitismus« vor, nachdem dessen Absicht einige Schlagzeilen gemacht hatte, Prooz Hanachi im Roten Rathaus zu empfangen, den »Bürgermeister« der iranischen Hauptstadt Teheran.

Die von einem Sprecher des SPD-Politikers als »Arbeitsbesuch« verharmloste Visite »ein[es] Mitglied[s] einer iranischen Terrorgruppe [..], die Anschläge auf jüdische Kindergärten in Berlin geplant hat«, zeige »eine neue Dimension des linken Antisemitismus«. Ihre AfD, so Beatrix von Storch, »verteidigt jüdisches Leben in Deutschland«, während die SPD »auf Wählerfang bei Muslimen« gehe.

In der Tat ist es ein Trauerspiel, daß Bekenntnisse deutscher Politiker zum Kampf gegen Antisemitismus am Ende der Sonn- und Gedenktage, an denen sie geäußert werden, regelmäßig längst wieder vergessen sind. Beatrix von Storch und ihre Partei allerdings unterscheidet in diesem Punkt wenig von ihrer Konkurrenz. Ganz praktisch bedroht die AfD jüdisches Leben in Deutschland sogar.

In Sachsen setzen sich die blaubraunen Extremisten »für ein Verbot der religiösen Beschneidung an Minderjährigen ein«, darüber hinaus soll »am generellen Verbot von Schächtungen [..] festgehalten« und »keine Ausnahmegenehmigungen erteilt werden, auch nicht aus religiösen Gründen«. Und auch in Thüringen geht die AfD mit beiden Forderungen in den bevorstehende Landtagswahlkampf.

Im Leitantrag zur Landtagswahl, der »mit wenigen Änderungen« dem Wahlprogramm entsprechen soll, lehnt die Partei die »Verstümmelung von Neugeborenen aus religiösen Gründen« ebenso wie »das qualvolle Schächten von Tieren« ab: »Die Ausnahmeregelung für Religionsgemeinschaften [..] ist zu streichen«. Und als Problem kommt auch in diesem Leitantrag Antisemitismus gar nicht vor.

Beatrix von Storch schmückt sich als Bundestagsabgeordnete ihrer Partei mit dem Titel »Berichterstatterin für Antisemitismus«. Die antisemitischen Vorstellungen ihrer Parteifreunde in Sachsen (und Thüringen), die jüdisches Leben in Deutschland unmöglich machen, hielten sie nicht davon ab, am Sonntag zu jubeln, »das alte Parteiensystem [ist] Geschichte [..], die AfD ist der Spielmacher«.

Schönfärber

Die letzten Stimmen waren noch nicht gezählt, da begann die SPD schon, die Erfolge der rechtsextremen AfD bei den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen zu verharmlosen. Manuela Schwesig, derzeit eine von drei kommissarischen Vorsitzenden der deutschen Sozialdemokratie, deutete Voten für die Alternative für Deutschland zu bloßem »Protest« um; das Wort »Protestwähler« fiel denn noch häufig an diesem Abend.

Daß Wähler sich bewußt für eine Partei entscheiden, sie also gerade nicht vermeintlicher oder tatsächlicher Fehler der anderen Parteien eben diesen vorziehen, sondern aus Überzeugung, schien beinahe undenkbar. Denn sonst müßte man die Anhänger der AfD, der ungefähr jeder vierte Wahlberechtigte seine Stimme gab, ja womöglich als das »beschimpfen«, was sie sind. Doch solche Rücksichtnahme ist eine gefährliche Realitätsverweigerung.

Wer die AfD gewählt hat, wollte genau diese Partei wählen und ihr Programm. Und das schließt den Antisemitismus dieser Partei ein, der sich etwa im »Regierungsprogramm« ihres sächsischen Arms nachweisen läßt. Wenn dort steht, »wir als AfD setzen uns für ein Verbot der religiösen Beschneidung an Minderjährigen ein«, zielt das zwangsläufig auch auf die Brit Mila, wie man spätestens seit der »Beschneidungsdebatte« 2012 wissen kann.

Soll darüber hinaus »am generellen Verbot von Schächtungen [..] festgehalten« und »keine Ausnahmegenehmigungen erteilt werden, auch nicht aus religiösen Gründen«, ist ebenfalls kaum zu verkennen, worum es geht. Fehlt dann noch im gesamten »Regierungsprogramm« jede auch nur angedeutete Distanzierung von Antisemitismus, ist die Legende, die AfD setze sich besonders für Juden in Deutschland ein, als die Hochstapelei enttarnt, die sie ist.

Setzte sich die AfD mit ihren Forderungen durch, würde sie jüdisches Leben in Deutschland erschweren oder unmöglich machen. Das kann und das muß jenen bewußt sein, die die Partei unterstützen, aber auch und gerade denen, die das nicht tun. Verharmlosen sie den latenten Antisemitismus der AfD und ihrer Unterstützer als »Protest«, zeigen sie damit, daß sie letztlich so unbelehrbar sind wie die, deren Votum sie so nachsichtig verklären.

Relotia der Woche

Am Sonntag werden in den deutschen Bundesländern Brandenburg und Sachsen neue Landtage gewählt. Und da die mancherorts herbeigesehnte alternative Machtergreifung danach vermutlich noch einmal ausbleiben dürfte, stricken die Unterstützer der blauen Braunen schon kräftig an Legenden, weshalb es so kommen mußte. Besondere Kreativität zeigt dabei die Publizistin Vera Lengsfeld.

Generelles Schächtverbot in Sachsen: Blaubraune Visonen

Die einstige »Bürgerrechtlerin«, die das Ende der DDR im Exil im nichtsozialistischen Ausland erlebte, hielt es danach nicht lange bei Bündnis 90/Die Grünen aus, wechselte zur CDU, in der sie sich aber offenbar ebenfalls nicht wohlfühlte, um schließlich als Autorin einschlägig berüchtigter Postillen und Portale wie der Preußischen Allgemeinen oder Jouwatch um Deutschland zu weinen.

Am Montag nun deckte Vera Lengsfeld einen echten Skandal auf: »In Sachsen hat der Wahlbetrug bereits begonnen«. Die ehemalige Bundestagsabgeordnete berief sich dabei auf einen Artikel der Leipziger Volkszeitung, die am Samstag berichtet hatte, daß Wahlschablonen für Sehbehinderte und Blinde in Leipzig nicht zu den Wahlzetteln paßten, für die Autorin ein Beleg für »Wahlfälschung«.

Und weil allein das nicht reicht, wetterte Vera Lengsfeld auch noch gegen angesichts dieses »Skandals« versagende Medien: »Wenn es noch Medien gäbe, die ihrer Aufgabe, die Regierung zu kritisieren, nachkommen würden«, dann wäre die Landtagswahl am Sonntag längst abgesagt. Die Medienkritikerin kann oder will allerdings nicht lesen. Denn die LVZ hat ihre Hausaufgaben gemacht.

Sie hat, erstens, auf einen zweifellos bestehenden Mißstand aufmerksam gemacht, so daß sogar eine Vera Lengsfeld davon erfahren konnte. Und die Zeitung hat, zweitens, nachgefragt, ob und wie der Mißstand behoben wurde, wer für ihn verantwortlich ist. Und dabei kam heraus, daß betroffene Briefwähler erneut wählen konnten, daß die falschen Schablonen am Sonntag nicht eingesetzt werden.

In Sachsen hat also die von Vera Lengsfeld behauptete »Wahlfälschung« nicht »begonnen«, sondern es wurde und wird versucht, einen korrekten Wahlablauf sicherzustellen. Das stand auch so bereits am Sonnabend in der Leipziger Volkszeitung, doch darauf geht Vera Lengsfeld nicht ein. Sie unterschlägt wissentlich Fakten, die nicht zu ihrer schönen Überschrift passen. Die Fälscherin ist sie.