Schlagwort: Deutschland

Deutsche Zivilgesellschaft

»Was wäre Bayreuth ohne die Kanzlerin?« wollte am Dienstag Die Welt wissen, um sogleich zu verkünden, daß die Frage auch 2019 ohne Antwort bleibt: »Angela Merkel gehört auch in diesem Jahr zusammen mit ihrem Mann wieder zu den Premierengästen« der Ende Juli beginnenden Bayreuther Festspiele, eines »Marathons« des »Respekt[s] vor dem einzigartigen Schaffen Richard Wagners«.

Mit ihrem Besuch der Bayreuther Festspiele werden neben der deutschen Kanzlerin auch einige Minister ihres Kabinetts, der bayerische Ministerpräsident Markus Söder sowie weitere mehr oder weniger Prominente erneut vorführen, daß Antisemitismus in Deutschland zuhause ist. Denn Richard Wagner war ein glühender Antisemit, der rasende Haß auf die Juden prägte sein gesamtes Schaffen.

Zwar gibt es auch Stimmen, die sich ihren »tiefgründigen Respekt« schönzureden versuchen, indem sie erklären, man müsse doch trennen zwischen Person und Werk. Für die ehemalige CDU-Vorsitzende freilich kann diese ohnehin nur allzu billige Ausrede jedoch gewiß nicht (mehr) gelten, seit im Frühjahr 2019 im Kanzleramt in Berlin die Bilder des Malers Emil Nolde abgehängt wurden.

Der Künstler war – als Person – ein begeisterter Nationalsozialist, der aus seinem Haß auf Juden erst dann ein Geheimnis zu machen versuchte, als sein geliebtes Reich bedingungslos hatte kapitulieren müssen. Emil Noldes Bilder allerdings galten vor 1945 als »entartet«, ein Attribut, mit dem Richard Wagners in der Tat schreckliches »einzigartiges Schaffen« wohl niemals ernsthaft belegt wurde.

Doch wer Emil Noldes Bilder abhängen läßt – selbst wenn die Initiative dafür nicht von Angela Merkel ausging, ging ihr Kanzleramt doch nicht gegen Überschriften vor, die genau das behaupteten: »Angela Merkel hängt Bilder von Nolde ab« -, weil der als Person war, wer er war, der kann nicht Richard Wagners Schaffen feiern, ohne damit zugleich den zu meinen, der dafür verantwortlich ist.

Feige Komplizenschaft

Seit dem vergangenen Montag hilft auch das bemühteste Wegsehen nicht mehr: Das Regime der Islamischen Republik Iran verstößt offen gegen den Joint Comprehensive Plan of Action (JCPOA), das Atomabkommen vom Juli 2015, das nach der Meinung der notorischen Appeaser im Auswärtigen Amt zu Berlin »die Region sicherer« machen soll und daher »nicht gefährdet werden« dürfe.

Erst meldeten die staatlichen Fars News unter Berufung auf »informierte Kreise«, daß Teheran nun über mehr als die zulässigen 300 Kilogramm schwach angereicherten Urans verfüge, nur wenig später folgte auch die Bestätigung durch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO). Für den 7. Juli hat das islamistische Regime bereits angekündigt, Uran stärker anreichern zu wollen als erlaubt.

Der jüngste Bruch des JCPOA durch Teheran kommt indes nicht überraschend. Schon im Mai hatte die Islamische Republik angekündigt, sich nicht mehr an Auflagen aus dem vor vier Jahren verabredeten Vertrag halten zu wollen. Wollen die europäischen Vertragspartner Teherans, Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich, erst jetzt »nächste Schritte prüfen«, ist das bloßstellend.

Statt sich von den Mullahs, deren klandestines Kernwaffenprogramm die Ursache war für deren internationale Isolation, unter erpresserischen Druck setzen zu lassen und sich – etwa durch die Schaffung der Tauschbörse Instex zur Umgehung amerikanischer Sanktionen – ihm zu beugen, wäre es nötig gewesen, den Drohungen Teherans entgegenzutreten und Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Mit ihrer Weigerung, auf amerikanische Kritik am JCPOA einzugehen, und der verantwortungslosen Fortsetzung ihres Appeasement-Kurses gegenüber den Mullahs haben die Europäer Teheran dazu eingeladen, sie mit dem JCPOA zu erpressen. Und wie es aussieht, unterwerfen sie sich auch weiter dem Diktat der Mullahs. Stabilität oder gar Frieden wo auch immer werden so nicht erreicht.

Selbstentlarvung

Während Führung und die Fraktion der rechtsextremen Alternative für Deutschland (AfD) im Bundestag zu Berlin versuchen, sich und ihrer Partei einen proisraelischen Anstrich zu geben, entblößt die mit einer Hetz-Kampagne gegen Jeremy Issacharoff, der seit beinahe zwei Jahren den jüdischen Staat als Botschafter in Deutschland vertritt, einmal mehr ihre abstoßende antisemitische Fratze.

Unterstützt von ihrem Sprachrohr Jouwatch, einem Treffpunkt passionierter Verteidiger deutschen Judenhasses im Weltnetz, läßt die blaubraune Partei ausgerechnet ihre »Juden in der AfD« die Regierung in Jerusalem auffordern, Jeremy Issacharoff aus Berlin abzuziehen: »Herr MP Benjamin Netanyahu, befreien Sie uns von diesem Botschafterdarsteller!« Schon die Wortwahl ist verräterisch.

Noch tiefer aber lassen die Vorwürfe blicken, mit denen die Kostüm- und Alibijuden der AfD ihre anmaßende Forderung an den israelischen Regierungschef, nun ja, begründen. Jeremy Issacharoff, klagen sie, habe »schon als Vater versagt« – Sohn Dean Issacharoff nämlich ist ein Aktivist der »NGO« Breaking the Silence – und sei daher »kein geeigneter Mann« für den Posten als Botschafter.

Doch Jeremy Issacharoff, der im übrigen als hervorragender Experte auf dem Gebiet der Eindämmung von Proliferation sowie bei der Bekämpfung von Terrorismus gilt, wird nicht nur verantwortlich gemacht für politische Ansichten seines erwachsenen Sohnes, sondern auch für ein Treffen seiner Frau Laura Kam mit Abu Mazen im Rahmen ihrer Tätigkeit für eine proisraelische NGO.

»Man achte«, kommentieren die ganz der braunen Traditionspflege verpflichteten AfD-Spezialisten für Sippenhaftung eine entsprechende Aufnahme, »die devote Körperhaltung« Laura Kams, die für Organisationen wie die Anti-Defamation League und The Israel Project in China, Indien, Rußland und Europe tätig war. Dann aber kommen die Ankläger doch noch zum Botschafter höchstselbst.

Jeremy Issacharoff, haben sie herausgefunden, nutze eine Photographie, die ihn zusammen mit dem deutschen Außenminister Heiko Maas zeigt, »als persönliches Startbild« auf Facebook. Und das ist natürlich ganz unerhört! Ein israelischer Botschafter zeigt sich gemeinsam mit dem Außenminister des Landes, in dem er stationiert ist. Wäre es nicht so traurig absurd, man müßte wohl laut lachen.

Die Alternative für Deutschland bestätigt mit ihrer gegen die Personalpolitik der israelischen Regierung gerichteten Diffamierungskampagne, daß ihr jede demokratische Reife, jeder zivilisatorische Anstand fehlt. Hinter ihrer scheinbürgerlichen Maske lauert der ganz gewöhnliche deutsche Antisemitismus aus Zeiten, in denen man im Reich noch auf den Endsieg durch die Wunderwaffe hoffte.

Verwandte

Juden sind, Anti- wie Philosemiten werden es kaum glauben können, nur Menschen. Und weil Irren menschlich ist, gibt es auch unter Juden Irre. Manche von ihnen sind auf interessante, liebenswürdige Weise verrückt, andere gefährlich verblendet. Zu letzteren zählen ohne Frage jene Juden, die sich in diesen Tagen in Aufrufen im Namen der Meinungsfreiheit für die BDS-Bewegung einsetzen.

Ihnen stehen in Deutschland Juden gegenüber, die sich politisch in der AfD daheim fühlen oder die »Alternative für Deutschland« genannte Partei als Nichtmitglieder öffentlich unterstützen. Beide Gruppen, die BDS-Anhänger wie die AfD-Fans, eint, daß sie – wenn auch verschiedene Spielarten des – Antisemitismus verharmlosen und damit gleichzeitig salon- und gesellschaftsfähig machen.

Ist es bei den einen der als »Israelkritik« camouflierte Judenhaß, dem ihr Engagement gilt, sind die anderen Wegbereiter eines Antisemitismus, der endlich stolz sein will auf »Leistungen« der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, der von deutscher Seite als Vernichtungskrieg geführt wurde und den Weg ebnete für den Versuch, das europäische Judentum durch massenhaften Mord auszulöschen.

Räumen die einen antisemitische Tendenzen allenfalls in der BDS-Bewegung ein, die keinesfalls repräsentativ seien, applaudieren die anderen der AfD, die »trotz der mega-dummen rückwärtsgerichteten nationalen Überhöhungen und intolerablen antijüdischen Stereotype einiger ihrer Funktionäre und nicht weniger ihrer Mitglieder« die »einzige wirkliche Oppositionspartei in diesem Lande« sei.

Soll da ein bißchen Antisemitismus geduldet werden, weil sonst Joseph McCarthy in Deutschland wiederauferstehe, muß dort über ihn hinweggesehen werden, um dem »unverantwortlich suizidale[n] Strukturauflösungs-Kurs unseres Rechtstaates« Einhalt zu gebieten. So finden die einen wie die andern sich ab mit Antisemitismus. »This is what we got – mehr haben wir nicht.« Wie peinlich.

Prioritäten

Am vergangenen Mittwoch hat das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz seinen jüngsten Bericht vorgestellt. Warnten bereits zahlreiche Landesämter für Verfassungsschutz in ihren Berichten für das Jahr 2018 vor fortgesetzten klandestinen iranischen Aktivitäten in Deutschland, bestätigt nun auch der Nachrichtendienst des Bundes deren Erkenntnisse, die Anlaß zu Sorge geben sollten.

Danach nahmen auch im letzten Jahr Agenten des Mullah-Regimes in Teheran in Deutschland lebende Oppositionelle ins Visier, spähten aber auch verstärkt jüdische und israelische Einrichtungen aus und Aktivisten aus. »In diesem Zusammenhang häuften sich 2018 Hinweise auf staatsterroristische Aktivitäten iranischen Ursprungs in Europa«, resümiert der aktuelle Verfassungsschutzbericht.

Doch auch 2018 konnte das Bundesamt für Verfassungsschutz noch »Anhaltspunkte für proliferationsrelevante Beschaffungsversuche des Iran für sein Nuklearprogramm feststellen«, »im Bereich Trägertechnologie/Raketenprogramm, der nicht von den Regelungen des JCPoA umfasst wird«, dem 2015 verabredeten Atomabkommen, sogar einen »deutliche[n] Anstieg« solcher Hinweise.

Die Europäische Union, meldet der Kölner Deutschlandfunk, habe unterdessen mitgeteilt, daß »das europäische Zahlungssystem für den Handel mit dem Iran [..] betriebsbereit« sei. Mit der Instex genannten Tauschbörse unter deutscher Führung soll europäischen Unternehmen die Umgehung amerikanischer Sanktionen gegen das iranische Rüstungsprogramm möglichst leicht gemacht werden.

Berliner Täuschungsmanöver

Es vergeht kaum eine Woche ohne mindestens ein Bekenntnis eines Mitglieds der deutschen Regierung zum Kampf gegen Antisemitismus. Einen besonders entschlossenen Gegner hat der Antisemitismus dabei in Heiko Maas, dem Außenminister im Kabinett Angela Merkels, der über die Grenzen Deutschlands hinausdenkt: »Weltweit muss alles getan werden, um jüdisches Leben zu schützen«.

Als im vergangenen Dezember deshalb BILD – Qualitätsmedien widmen ihre Aufmerksamkeit zum Glück wichtigeren Themen – in Berlin nachfragte, wie die deutsche Regierung bei ihrer Unterstützung für das »palästinensische« Bildungswesen auf den Schutz jüdischen Lebens achte, konnte die Antwort deshalb nur lauten, »es würden [..] keine Mittel konkret für [..] Schulbücher bereitgestellt«.

Zuvor hatten einmal mehr Lehrbücher des PLO-Regimes in Ramallah für Schlagzeilen gesorgt, in denen offener und aggressiver als je zuvor antisemitisch gehetzt werde. Vorwürfe, die auch Berlin erhörte. »Wir unterstützen daher unabhängige Untersuchungen der neuen palästinensischen Schulbücher nach wissenschaftlichen Kriterien. Die Ergebnisse werden schon Anfang 2019 erwartet.«

Nun liegt »schon Anfang 2019« bereits einige Zeit zurück, doch von den »unabhängigen Untersuchungen«, die die Bundesregierung vor sechs Monaten »unterstützt« hat, hat man nie wieder etwas gehört. Es gab sie wohl gar nicht, wie jetzt aus einer Antwort Berlins auf eine parlamentarische Anfrage hervorgeht, die auch die deutsche Unterstützung für das »Bildungswesen« der PA thematisiert.

Danach allerdings hat sich »die Bundesregierung [..] für die Durchführung einer umfassenden Untersuchung der neuen palästinensischen Schulbücher durch ein unabhängiges internationales Institut eingesetzt« Diese Untersuchung werde »durch die Europäische Union beauftragt und soll im Juni 2019 beginnen«. Im übrigen wisse Berlin nichts von Schulbüchern, mit denen es nichts zu tun habe.

So sieht es aus, wenn Deutschland »alles« tut, um »weltweit [..] jüdisches Leben zu schützen«. Man schindet mit erfundenen oder aufgeschobenen Studien Zeit und ignoriert Untersuchungen, die es bereits gibt. Und im Fall der Fälle ist man nicht verantwortlich, weil »ausgeschlossen« worden sei, daß deutsche Mittel »die Entwicklung, Produktion und Beschaffung von Schulbüchern« ermöglichten.

Bildung besteht freilich nicht nur aus Lehrbüchern. Sie werden in Schulen, die mit deutschen und europäischen Geldern errichtet wurden, von Lehrern verwendet, deren Gehälter die Europäische Union finanziert. Und wenn an Schulen der UNRWA die Unterrichtsmaterialien der PA zum Einsatz kommen, ist Deutschland auch hier wieder mit dabei – entweder über die EU oder eben ganz direkt.

Und auch wer spätestens seit 2010 »nur« Bildungsinfrastruktur finanziert hat, wie die Regierung in Berlin behauptet, ist doch mitverantwortlich für das, wozu sie genutzt wird. Ermöglicht Berlin mit seiner Unterstützung »palästinensischen Kindern den Zugang zu Grundbildung«, ist es tatsächlich Komplize bei deren antisemitischer Indoktrination. Jüdisches Lebens schützt man so gewiß nicht.

Dissident

»Mit der Berliner Mauer«, schrieb Eike Geisel einst, »fiel nicht nur die Begrenzung eines von Deutschen erstmals für die eigene Bevölkerung errichteten Ghettos. Mit jedem Stein, der aus der Mauer gehämmert wurde, fiel den Deutschen vor allem eine Zentnerlast vom Herzen. Denn es verschwand ein markantes Erinnerungszeichen an die selbstverschuldeten Gründe für die Teilung des Landes.«

Drei Jahrzehnte nach der »friedlichen Revolution« in und dem ihr folgenden Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes ist es in Deutschland wieder en vogue, über Antisemitismus als Frage der Meinungsfreiheit zu debattieren und all die, die das widerwärtig finden, als »Sprachpolizei« zu beschimpfen, wie der Blick in die Zeitung für Deutschland vom vergangenen Sonntag zeigt.

An einem Wochenende, an dem rechter Terror Schlagzeilen und Talkshows dominiert, jammert Patrick Bahners, Kulturkorrespondent der FAZ, nicht mehr Herr im Haus zu sein: »Die israelische Regierung und ihre publizistischen Helfer in Deutschland drängen auf ein strafbewehrtes Regime kleinteiliger Sprachregelungen«, mit denen sie »die Zahl der Antisemiten ständig« anwachsen ließen.

Nachdem er wenige Zeilen zuvor für Toleranz für die BDS-Bewegung als »Notbehelf eines Volkes ohne Staat« geworben hat, ist die These durchaus gewagt, schon »ein fehlendes Satzzeichen oder ein falscher Modus kann zum Ausschluss aus dem Diskurs führen«. Tatsächlich indes belegt Patrick Bahners’ Text das Gegenteil: Antisemitismus ist längst daheim in der »Mitte der Gesellschaft«.

Und das kann die FAZ – das A stand freilich nie für überbordenden Antifaschismus – nicht einfach ignorieren. In Zeiten, in denen auch der Zeitung für Deutschland die zahlenden Abonnenten davonlaufen, will der Rest der Leser zielgruppengerecht bedient werden, von den Umtrieben der »israelische[n] Regierung und ihre[r] publizistischen Helfer in Deutschland« lesen, was er immer ahnte.

Gesellschaftskunde (Buchrezension)

Um Üble Zeitgenossen, Zombies und andere neue Rechte (so der Untertitel) geht es in der 199 Seiten langen exklusiven Essay-Sammlung des Autors und Journalisten Wolfgang Brosche. Das Buch sei ein must-read für alle an einer linken Gesellschaftskritik Interessierten (so das Vorwort). Man erwartet also einiges. Und man wird nicht enttäuscht.

Wolfgang Brosche: Panoptikum des Grauens. Üble Zeitgenossen, Zombies und andere Rechte. Verlag Edition Critic: Berlin 2019, 199 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3-946193-25-8

In elf sprachlich fulminanten Kapiteln werden Vertreter*innen rechten Gedankenguts unter die Lupe genommen, die in Deutschland leider keinen geringen Einfluss haben und daher verheerenden Schaden anrichten.

Ulrich Greiners Buch Heimatlos. Bekenntnisse eines Konservativen wird zuerst analysiert und Brosche zeigt hier schon, was sich als luzides Destillat bei all diesen zwischen schwarz und braun changierenden Figuren manifestieren wird: ihnen allen gemein ist die Ablehnung einer humanen, modernen Welt, die womöglich – Gott bewahre! – auch noch antikapitalistisch ist und somit ja alles zerstören würde, worauf Konservative seit jeher setzen: Hierarchien, bedingungslose Anpassung, Autoritätshörigkeit.

Entlarvt wird außerdem die »patriarchal-protofaschistische Denkweise« (S. 55) des Philosophen Peter Sloterdijk. Die Texte von Publizist*innen wie Vera Lengsfeld, Jan Fleischhauer, Matthias Matussek oder Henryk Broder werden ebenfalls einer kritischen Lektüre unterzogen, die deren zum Teil ja nur latent rechte Schlagseite ganz klar benennt.

Eines der längsten, interessantesten und treffendsten Kapitel ist denn auch »Die Methode Kelle« (S. 63-96). Dass in der konservativen Welt die Frau unter dem Mann steht, ist evident. Insofern ist Birgit Kelle nur konsequent, wenn sie als überzeugte Antifeministin die nobelste Aufgabe einer Frau in der Mutterschaft sieht. Das ist auch die Sicht des Patriarchats seit Menschengedenken. Um den deutschen Status quo zu zementieren, ist es unabdinglich, Homo- und Transsexualität zu stigmatisieren. Abtreibung zu verdammen. All das zu bekämpfen, was die Welt egalitärer und schöner machen könnte. Denn das wäre ja eine Attacke auf das geliebte, weil Sicherheit gebende, bürgerliche, man könnte auch sagen, erz-reaktionäre, primitive Weltbild. Und wo kämen wir hin, wenn Flüchtlinge, Homosexuelle, Feminist*innen und anderes linkes Gesocks an den jahrhundertealten Privilegien der weißen Cis-Männer rütteln dürften?

Brosche weist darauf hin, wie gerade eine Birgit Kelle, die »nicht die geringste Ahnung von Geschlechterforschung hat« (S. 72), zur Verrohung und Verprollung des politischen Diskurses maßgeblich beiträgt und welche Gefahren es birgt, derartigen Pseudo-Expert*innen überhaupt eine Plattform zu bereiten. Indirekt erwähnt der Autor in diesem Kontext auch den Grundgedanken des Antinatalismus, wenn er Kelles Ablehnung von Abtreibung geißelt: ist es nicht bizarr, wie sich die selbst ernannten Lebensschützer immer nur für den Zellklumpen im Körper der Frau interessieren, nicht aber für das leidende Kind? Dafür führt er schockierende Beispiele wie die über zwei Millionen von Hartz IV lebenden Kinder hierzulande an oder die 150 Kinder pro Jahr, die Opfer der Gewalt und Vernachlässigung durch ihre eigenen Eltern werden.

Die drei K (Kinder, Küche, Kirche), die Birgit Kelle allen Frauen ans Herz legt, sollten im Jahr 2019 keinen derartigen Anklang mehr finden, findet Wolfgang Brosche. Insofern verwundert es nicht, dass sich bei Frau Kelle in erster Linie die Maskulinisten bedanken, die mit Vorliebe bei der Neuen Rechten ihr Unwesen treiben, »die den männlichen Bedeutungsverlust ebenso fürchten wie die nachlassende Potenz und die Ermüdungserscheinungen ihres Gockeltums« (S. 90).

Wir wollen keine neorechten Agitator*innen, die sich als konservativ tarnen, die den Klimawandel ebenso leugnen wie die dringende Notwendigkeit von Feminismus und Antifaschismus in Zeiten des allgemeinen Backlashs! Und genau dazu leistet das neue Buch von Wolfgang Brosche einen nicht hoch genug zu schätzenden Beitrag.

(Dr. Verena Brunschweiger, geb. 1980, studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie/Ethik und promovierte 2007 in der Mediävistik. Sie ist aktive Feministin und arbeitet hauptberuflich als Gymnasiallehrerin. Außerdem ist sie überzeugte Nicht-Mutter.)

Bitterernstes Lesevergnügen (Buchrezension)

Rechtes Denken, Reden und Wählen haben Konjunktur. Wenn dann noch ein ehemaliger Bundespräsident, der bereits vor Jahren durch die unsägliche Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Kommunismus auffiel, eine »erweiterte Toleranz« gegenüber den Rechten fordert, kann einem angst und bange werden. Am gleichen Tag gibt die Bundesregierung auf Anfrage bekannt, dass sich aktuell 497 Rechtsextreme, nach denen gefahndet wird, auf freiem Fuß befinden. Kritiker mahnen die fehlende koordinierte Anstrengung der Innenminister zur Bewältigung des Problems an, bisher vergeblich. In einem Dortmunder Vorort skandierte im vergangenen Jahr eine Nazi-Demonstrationsgruppe »Wer Deutschland liebt, ist Antisemit!«; die Polizei griff nicht ein. Die AfD sitzt derweil in allen Parlamenten, auf dem Evangelischen Kirchentag werden dagegen Workshops mit dem Titel »Wie reagiere ich klug auf populistische Parolen?« angeboten. So etwas kann leicht zur Spiegelfechterei verkommen, wenn die Wurzeln rechter Gesinnung nicht aufgedeckt, die im schlechtesten Sinn »konservativen« Wegbereiter und Stichwortgeber nicht benannt werden.

Wolfgang Brosche: Panoptikum des Grauens. Üble Zeitgenossen, Zombies und andere Rechte. Verlag Edition Critic: Berlin 2019, 199 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3-946193-25-8

Genau darum geht es Wolfgang Brosche. In den elf Essays, die in diesem Band versammelt sind, zerpflückt er mit Sachverstand und Sprachwitz einige einflussreiche Autoren und Autorinnen, die den gefährlichen Rechtsdrall vorbereitet haben und weitervorantreiben. Brosche nennt sie »Konservative«, die wie Zombies auftreten: zwar »gut gekleidet und mit bemerkenswerten Tischsitten« (12), doch vordemokratischen, patriarchalisch-autoritären Ideen verhaftet, die längst tot sind und die jetzt wieder hervorgekramt werden, um das Ideal der gleichen Würde aller Menschen zu zersetzen. Brosche wird persönlich und detailgenau, wenn er sich beispielhaft Ulrich Greiner und Peter Sloterdijk, Birgit Kelle und Vera Lengsfeld, Jan Fleischhauer, Matthias Matussek und Henryk Broder vornimmt.

Weitere Verharmloser (wie Werner Patzelt) und Stichwortgeber der Neuen Rechten werden knapp und treffend vorgestellt. Als Abbild der rückwärtsgewandten und politisch still gestellten Gesellschaft sowie als Beispiel verlogener Sentimentalität und Ausgrenzung wird die beliebte Fernsehsendung »Bares für Rares« vorgestellt und seziert. Hinzu kommen Sondierungen in Brosches eigener Familiengeschichte und frühe persönliche Erfahrungen mit einer teils verkappten, teils aggressiven Abgrenzung von Juden, »Zigeunern« und allen anderen, die von der sogenannten Normalität abweichen. Denkbar wären all diese Erfahrungen in vielen deutschen Provinzstädten, gleichwohl überrascht es kaum, dass sie im »katholisch-bigotten« (177) Paderborn gemacht wurden – der »westfälischen Schützenfesthochburg« (115), wie Brosche nicht zufällig bemerkt.

Wer denkt, so anerkannte Intellektuelle wie Ulrich Greiner (ehemals Feuilletonchef der Wochenzeitung DIE ZEIT) oder Peter Sloterdijk (bekannter Fernsehphilosoph und Karlsruher Großprofessor für Philosophie und Ästhetik) könnten doch unmöglich zu den Vertretern des rechten Grauens gezählt werden, wird eines besseren belehrt. Es ist offenbar nicht Zufall, sondern hat Methode, wenn Greiner über Heimatlosigkeit, unkontrollierte Flüchtlingsströme, die Globalisierung und Islamisierung, die »Genderideologie« und die Allmacht der Grünen räsoniert. Brosches Aufweis der teils ausdrücklichen Bezüge zu nationalistischen Denkern und Demokratieverächtern ist auf den Seiten 12 bis 25 ausführlich nachzulesen. Ein Ausrutscher war auch Sloterdijks Versuch, die Menschen nach »ihrem Rank« oder ihrer »existenziellen Wertigkeit« zu unterscheiden, nicht. Brosche legt das detailliert und schmerzhaft deutlich dar. Er nennt Sloterdijk wohlbegründet einen »Professor Unrat«. Vieles von dem, was sein Schüler Marc Jongen als kulturpolitischer Vordenker in die AfD einbringt, sei bereits bei Sloterdijk vorgedacht oder auch vorformuliert. (41-61) Rückgriffe auf die griechische Mythologie, wie sie Sloterdijk ausführlich für seine Welterklärung heranzieht, nimmt Brosche unter dem bezeichnenden Titel »Humbug und Hoax« (44) kritisch unter die Lupe. Sein Ergebnis ist nicht leicht von der Hand zu weisen.

Erstaunlich anregend für Brosches Analysen sind die eingestreuten Bezugnahmen auf den Zombiekult der letzten Jahre, der in zahlreichen Filmen und weiterem popkulturellem Schaffen Ausdruck gefunden hat. Hilfreich, jedoch nicht immer zwingend, sind auch seine psychoanalytischen Deutungsangebote zum Verständnis von zunächst verblüffenden Windungen und Rochaden (von links bis ganz rechts) in den Biographien der vorgestellten Zombies und »üblen Zeitgenossen«. Die angedeutete Versuchung zum Mitleid mit den »älteren Herren« Matussek und Broder, die – einst hoch angesehene Journalisten – heute zu Hofnarren verkommen seien, wird durch die differenzierten biografischen Reflexionen unvermeidbar; die Analyse ihrer heutigen Rolle als Stichwortgeber gegen Flüchtlinge, »Kulturfremde«, Feminismus, für Islamophobie und Homophobie bleibt gleichwohl unbestechlich. Ein anderer roter Faden, der sich durch mehrere Essays zieht, ist die Rolle des rechtskatholischen Milieus, das der Neuen Rechten teils verdeckt, teils offen zuarbeitet: Ulrich Greiner, Birgit Kelle und Matthias Matussek sind hier medial vielfach präsente Protagonisten. Ob die von Brosche en passant mitgegebene Überzeugung, dass Religionen und so auch das Christentum per se nur mit einem autoritär-hierarchischen Staatsverständnis kompatibel sind und bleiben, verdiente eine eigene Diskussion.

Zusammenfassend: Brosche, renommierter Autor und Journalist, zieht der konservativen und angeblich ahnungslosen Bürgerlichkeit (»das haben wir nicht gewusst«) die Maske vom Gesicht. Er macht das mit seinen Mitteln: vor allem einer immensen Belesenheit und kritischen Aufmerksamkeit gegenüber sprachlichen und politischen Zugehörigkeiten. Sein Blick für psychosoziale Dispositionen und seine bildmächtige Sprache, die auch Spott und provokante Zuschreibungen einschließt, machen ihn zu einem Aufklärer im besten Sinne. Als Streiter für Meinungsfreiheit, Menschenwürde und Demokratie, der nicht wegschaut und nichts schönredet, spießt er mit spitzer Feder Rechtstendenzen und bürgerlich verbrämte Bezüge zur Naziideologie auf. Für distanzierte »Ausgewogenheit« bleibt da kein Platz. Wunderbar. Ein Lesevergnügen – trotz des bitterernsten Themas. Nebenbei: auch trotz so mancher ausgefallener Begriffe und Metaphern; manche Leser*innen werden (wie der Rezensent) das eine oder andere Fremdwort nachschlagen, wenn sie alles genau verstehen wollen.

Das Buch sei vorbehaltlos zur Lektüre empfohlen. Zuerst allen Journalist*innen und Aktivist*innen gegen rechts sowie Menschen, die in Politik oder Erwachsenenbildung Aufklärungsarbeit betreiben. Politisch wache Zeitgenoss*innen, die die Fundamente der Neuen Rechten verstehen wollen, um ihr auf allen Ebenen (und nicht nur einigen Parolen) informiert widerstehen zu können, werden es mit Gewinn lesen.

(Dr. Dr. Richard Geisen war bis zum Frühjahr 2019 Leiter des Fachbereichs Arbeitswelt und Sozialpolitik am Sozialinstitut Kommende Dortmund)

Peinliches Pamphlet

Im Berliner Tagesspiegel haben am letzten Donnerstag Moshe Zimmermann und Shimon Stein unter der Überschrift »Wer bestimmt, was jüdisch ist?« den Rücktritt Peter Schäfers als Leiter des Jüdischen Museums in Berlin kommentiert. In ihrem Text warnen der Historiker und der Ex-Diplomat vor einer »Gefahr für die Meinungsfreiheit«, die vom Einfluß Jerusalems in Deutschland ausgehe.

Seien in Israel unter der Herrschaft Benjamin Netanjahus politischer Diskurs und Streit längst verstummt, versuche der Premierminister, dem es freilich nach den Knessetwahlen im April nicht gelungen ist, eine regierungsfähige Koalition zu schmieden, nun auch in Deutschland das politische Klima zu vergiften: »Deutsche Politiker wirken eingeschüchtert«, beklagen die beiden Autoren.

Der Wille Benjamin Netanjahus wird danach vom Zentralrat der Juden in Deutschland. Und hinzu komme quasi als philosemitische SA noch die AfD, die Jerusalem zwar schneide, mit demonstrativ proisraelischen Initiativen aber erst recht um dessen Anerkennung buhle. Doch »statt sich zu wundern über die Absurdität dieser AfD-Israel-Liebesbeziehung, lenken Politik und Medien meist ein«.

Mit ihrem »Diskussionsbeitrag« schaffen Moshe Zimmermann und Shimon Stein es mühelos, sich als völlig realitätsferne Alibijuden bei all jenen anzudienen, die schon immer wußten, daß – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – alle Juden die Regierung in Jerusalem vertreten, ihre Loyalität erst Israel gilt und, wenn überhaupt, erst dann dem Staat, dessen Bürger sie ihrem Paß nach sind.

Daß den sich als Streiter für Meinungsfreiheit inszenierenden Autoren in ihrer Verteidigung insbesondere der BDS-Bewegung nur der Rückgriff auf antisemitische Klischees einfällt, ist ein bezeichnendes Armutszeugnis. Ihr mit falschen Behauptungen gespickter Text verharmlost Antisemitismus, dämonisiert die demokratische Gesellschaft Israels und beleidigt all jene, die sich für sie einsetzen.