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Kapitulationserklärung

Mit einer weiteren ihrer allerorts gefürchteten Gemeinsamen Erklärungen haben die »E3«, die europäischen Unterzeichnerstaaten des Joint Comprehensive Plan of Action (JCPOA), auf Berichte der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) über neuerliche Verstöße des islamistischen Regimes in Teheran gegen das Abkommen reagiert, an das außer ihnen wahrscheinlich längst niemand mehr glaubt.

Denn auch mit ihrer neuesten Gemeinsamen Erklärung äußern »wir, die Regierungen Deutschlands, Frankreichs und des Vereinigten Königreichs«, nichts als »große Besorgnis« über die von IAEA gemeldeten iranischen Verstöße gegen den JCPOA, mit denen die Mullahs die Fortschritte ihres Kernwaffenprogramms dokumentieren. Die »E3« »nehmen« jedoch nur einmal mehr bloß »zur Kenntnis«.

Während Teheran mit der Herstellung auf 20 Prozent angereicherten Uranmetalls und dem Ausbau seiner »Produktionskapazitäten für auf bis zu 60% angereichertes Uran« selbst nach Einschätzung der Regierungen in Berlin, Paris und London »entscheidende Schritte für die Entwicklung einer Kernwaffe« unternimmt, ist diese Reaktion ein Armutszeugnis, das die Heuchelei der »E3« offenbart.

So fehlerbehaftet die Vereinbarung auch ist, sogar der JCPOA bietet Instrumente, die den »E3« härtere Reaktionen ermöglichten: So könnten sie den Streitschlichtungsmechanismus des Abkommens aktivieren, um nach dessen Scheitern Sanktionen gegen Teheran zu reaktivieren, die im Gegenzug für dessen Vertragstreue ausgesetzt wurden. Doch nicht einmal androhen wollen die »E3« solche Schritte.

Und so wird das islamistische Regime auch dieser Erklärung die Achtung entgegenbringen, die sie verdient, und ungerührt sein Kernwaffenprogramm ausbauen und vorantreiben. Denn mit all ihren bisherigen Gemeinsamen Erklärungen signalisieren die »E3« doch nur, daß von ihnen keine ernsthaften Gegenmaßnahmen zu erwarten sind. Ihre neuerliche »große Besorgnis« ist nichts als Heuchelei.

Ethnopluralisten

Nach der Rückkehr der islamistischen Barbarei nach ganz Afghanistan hat Sigmar Gabriel, langjähriger Vorsitzender der SPD und bis März 2018 deutscher Außenminister, in einem Interview scheinbar selbstkritisch gefragt, »warum hat der Westen versucht, sehr idealistisch, Nation Building zu betreiben in einem Land, das völlig anders ist als die europäischen Staaten oder die Vereinigten Staaten«.

Nur kurz zuvor hatte auch der amerikanische Präsident Joe Biden versucht, mit ressentimentgeladener Rhetorik von der Inkompetenz seiner Regierung abzulenken und Afghanen alleinverantwortlich zu machen für die blamable Flucht des Westens vor den Taliban. Aus beiden Äußerungen spricht eine Arroganz, ein Chauvinismus, der derzeit Afghanen jede Reife abspricht, allein weil sie Afghanen sind.

Ganz so, als dokumentierten nicht eine breite Fluchtbewegung, aber auch regionaler Widerstand gegen die Rückkehr der Islamisten an die Herrschaft die Attraktivität westlicher Wertevorstellungen jedenfalls für nicht eben wenige Menschen in Afghanistan, versuchen Joe Biden wie Sigmar Gabriel, Menschen in ein Kollektiv zu pressen, das einfach noch nicht weit genug ist für die Zivilisation.

Sie entlarven damit nicht bloß ihre eigene Engstirnigkeit, sondern alle Vorstellungen, die allen Menschen gleiche individuelle Rechte zubilligen. Afghanen sind in ihrer Vorstellung als Afghanen offenbar nicht »reif« genug für eine Demokratie, Chinesen kommen vermutlich alle als Kommunisten zur Welt etc., das jeweilige Land ist für sie »völlig anders« und damit das Schicksal dort Lebender besiegelt.

Statt für zivilisatorische Errungenschaften einzutreten, propagieren sie mit ihren Äußerungen ein Menschenbild, das bereit ist, Unterschiede da zu akzeptieren, wo sie schlicht nicht akzeptabel sind. Sind Menschen, die aus einem »Land, das völlig anders ist«, emigrieren, überhaupt »integrierbar«? Oder müssen sie, um »ihre« wie »unsere Identität« zu wahren, ferngehalten, zurückgeschickt werden?

Sündenbock

Nach der für viele offenbar völlig überraschenden (Wieder-)Ausrufung des »Islamischen Kalifats Afghanistan« am Wochenende konnte in Deutschland wenigstens die Suche nach einem Sündenbock bereits abgeschlossen werden: Als »einer der schlechtesten Außenminister, die Deutschland je hatte«, haben Heiko Maas und sein Ministerium »die Lage wirklich falsch eingeschätzt«, heißt es aus der CDU.

So gering freilich die Neigung, dem Urteil zu widersprechen, so groß die Abneigung, ausgerechnet diesem Gericht zuzustimmen. Der sozialdemokratische Politiker Heiko Maas übernahm das Auswärtige Amt im März 2018 von seinem Vorgänger Sigmar Gabriel. Schon damals analysierte die Neue Zürcher Zeitung, »Maas fallen hohe Ämter zu, ohne dass er sich besonders verdient gemacht hätte«.

Andrea Nahles, die damalige Fraktionschefin der SPD im Bundestag, habe ihn für das Amt »vor allem« deshalb vorgeschlagen, weil er »ein Mann« sei, »der ihr voraussichtlich nicht in die Quere« kommen werde. Zum Außenminister ernannt hat ihn aber schließlich Bundeskanzlerin Angela Merkel, die seinerzeit zugleich noch als CDU-Vorsitzende im Amt war und Heiko Maas bis heute gewähren läßt.

Weder sie noch die Unionsfraktion im Deutschen Bundestag noch die CDU als Partei nahmen am Minister oder der Arbeit seines Auswärtigen Amts Anstoß, wenn diese (immer wieder) international Schlagzeilen machten. Zeigen nun also ausgerechnet Unionspolitiker, teils sogar Kabinettskollegen, mit dem Finger auf Heiko Maas, ist das durchaus einigermaßen bigott. Seine ist auch ihre Verantwortung.

Debakel

Wer weiß, mit anderen Prioritäten, formuliert von kompetenterem Personal, zumindest der Rückzug des Westens aus Afghanistan wäre womöglich etwas weniger chaotisch, weniger blamabel verlaufen. »Die Bundeswehr«, wurde Anfang Juni berichtet, »muss beim Truppenabzug aus Afghanistan vermutlich auch Zehntausende Dosen Bier und kistenweise Wein und Sekt zurück nach Deutschland fliegen«.

Am Sonntag übernahmen die Taliban mit Kabul auch die Hauptstadt des Landes und riefen das »Islamische Kalifat Afghanistan« aus, wie das Land bereits bis zur gewaltsamen Befreiung von ihrer Herrschaft durch eine internationale Allianz vor 20 Jahren hieß. Die Wiederkehr des »Islamischen Kalifats« ist eine Katastrophe zuvörderst für die Menschen, die kein Flieger vor den Taliban retten wird.

Hatte US-Präsident Donald J. Trump noch einen geordneten Abzug im Sinn, ist es seinem inkompetenter Amtsnachfolger und den Regierungen der anderen am Afghanistan-Einsatz beteiligten Staaten bravourös gelungen, daraus eine heillose Flucht vor den Islamisten und sich mit ihr zum Gespött zu machen. Sie haben sich nicht aus Afghanistan zurückgezogen, sie sind – zumal kampflos – abgehauen.

Es kann vor diesem Hintergrund kaum verwundern, daß auch der afghanische Widerstand gegen die Taliban vor allem durch seine Abwesenheit auffiel. Zwanzig Jahre »Aufbauhilfe«, eine Kernkompetenz, derer sich insbesondere deutsche Regierungsvertreter gern rühmen, erwiesen sich als vor allem teure Verschwendung von Ressourcen – und ein Aufrüstungsprogramm für die islamistischen Sieger.

Verrat

Wie die Tageszeitung Die Welt kürzlich auf ihrer Website berichtete, gehörte auch Hans-Udo Muzel zu den internationalen Gästen der feierlichen Inthronisierung des neuen iranischen »Präsidenten« Ebrahim Raisi. Wie das Auswärtige Amt auf Nachfrage der Zeitung erklärte, war der deutsche Botschafter beim Mullah-Regime einer von mehreren europäischen Repräsentanten, die dem Ereignis beiwohnten.

Deutschland hat ein Staatsoberhaupt, das keine Skrupel hatte, den Terroristenanführer Yassir Arafat mit einem Kranz zu ehren, nichts dabei empfand, dem islamistischen Regime in Teheran im Namen aller Deutschen zum Jubiläum seiner gewalttätigen Machtübernahme zu gratulieren. Daß ob eines solchen Vorbilds ein deutscher Diplomat mitfeiert, wenn ein Massenmörder »Präsident« wird, verwundert kaum.

Die in den letzten Jahren wesentlich von sozialdemokratischen Politikern geprägte deutsche Außenpolitik hat ihre Glaubwürdigkeit längst verloren. Angebliche Werte kennt sie allenfalls als Phrase, Moral bestenfalls als Fremdwort. Gewiß, es gibt Situationen, in denen Kontakte selbst zu üblen Gestalten kaum zu vermeiden sind, die auf die eine oder andere Weise zu Amt und Würden gekommen sind.

Die Amtseinführung freilich eines Unmenschen, dem Verbrechen gegen die Menschheit vorgeworfen werden, gehört allerdings kaum dazu. Wer sich indes ohne Not einreiht, wenn ein Verbrecher mit anderen Verbrechern feiert, verrät, wofür das Land, das zu repräsentieren er vorgibt, stehen will. Ihr Auswärtiges Amt hat die Bundesrepublik zur Komplizin der islamistischen Herrscher in Teheran gemacht.

Verzögerungstaktik

Kurz vor den Bundestagswahlen Ende September entdeckt die scheidende deutsche Regierung noch einmal Handlungsbedarf und will, wie es die tagesschau auf ihrer Website formuliert, »Millionen für das Wissen über den Hass« ausgeben. Zwölf von insgesamt 35 Millionen Euro sollen dabei in den nächsten vier Jahren der Erforschung von Antisemitismus gewidmet werden, drei Millionen Euro je Jahr.

Dafür, daß der Antisemitismus Hochkonjunktur im seit 16 Jahren von Kanzlerin Angela Merkel regierten Deutschland hat, ist das nicht eben viel Geld. Freilich dürfte es Berlin nicht wirklich um Erkenntnisse über Antisemitismus gehen und dessen Bekämpfung, sondern um das Vortäuschen von Problembewußtsein. Mit dieser Taktik hat Berlin schließlich in der Vergangenheit gute Erfahrungen gemacht.

Exemplarisch demonstriert das der Umgang Deutschlands mit Vorwürfen, seine umfassende »humanitäre« Hilfe für »Palästinenser« diene auch der Förderung von Antisemitismus. Leugnete Berlin zunächst jegliche Verantwortung, gab es sich schließlich doch noch interessiert: Als das Problem nicht mehr weggequatscht werden konnte, wollte man »wissenschaftliche« Untersuchungen unterstützen.

Die Verantwortung für eine Studie über »palästinensische« Lehrbücher wurde jedoch an Brüssel abgegeben, was bereits zu einer nicht unwesentlichen Verzögerung der Forschungsarbeiten führte. Für weitere Verschiebungen sorgte dann jedenfalls nach Aussagen der beauftragten »Experten« ein »Regierungswechsel« in Ramallah. Die Studie, die Anfang 2019 vorliegen sollte, wurde so erst 2021 vorgelegt.

Dann nur widerwillig von der Europäischen Kommission, die deren Ergebnisse zudem noch zu verfälschen suchte, der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt, wird die Arbeit seither beschwiegen, obgleich sie bestätigt, was man 2018 und auch davor längst hätte wissen können, aber eben nicht wissen wollte: Lehrbücher des Regimes in Ramallah verbreiten Antisemitismus und verherrlichen Terrorismus.

Und selbst wenn die Erkenntnisse der Forscher doch noch zur Kenntnis genommen werden sollten: Mindestens vier Jahre lang drückte sich Berlin unter dem Verweis auf die Forschungsarbeiten, die erst abgeschlossen werden müßten, davor, auf Gewaltverherrlichung und Antisemitismus der »Palästinenserführung«, die sie jährlich mit mindestens zweistelligen Millionenbeträgen stützt, zu reagieren.

Und ähnlich dürfte es nun wieder laufen: Es ist bekannt, daß es ein Problem gibt, daß mit konkreten Maßnahmen gehandelt werden müßte. Doch weil Berlin davor zurückschreckt, erkauft es sich nunmehr erneut Zeit – im Fall des in Deutschland grassierenden Antisemitismus’ weitere vier Jahre. Die 12 Millionen Euro sind keine Investition in Wissen, sie sollen allein Handlungsunwilligkeit camouflieren.

Leere Drohung

Der deutsche Außenminister Heiko Maas soll mit einem Abbruch der Verhandlungen über eine Rettung des Joint Comprehensive Plan of Action gedroht haben, die im April in Wien begonnen haben. Die Gespräche über eine Rückkehr der Vereinigten Staaten zu dem Abkommen, die Teheran zur Bedingung macht, sich an die Auflagen des JCPOA zu halten, sind derzeit auf unbestimmte Zeit ausgesetzt.

Wie der SPIEGEL am Freitag meldete, fürchtet Berlin ein Scheitern der Verhandlungen, deren Zukunft nach mit der »Wahl« Ebrahim Raisis zum zukünftigen »Präsidenten« der Islamischen Republik Iran ungewiß sei. Teheran hatte vor zwei Wochen mitgeteilt, man befinde sich in einer »Übergangsphase«, die nächste Gesprächsrunde könne frühestens nach dem Amtsantritt Ebrahim Raisis stattfinden.

Die »Übergangsphase« hindert das Mullah-Regime derweil nicht, seine Verstöße gegen den JCPOA fortzusetzen. Die »E3«, die europäischen Vertragspartner Teherans in dem Abkommen, hatten zuletzt Anfang Juli in einer Gemeinsamen Erklärung festgestellt, damit gefährde »Iran den Erfolg der Wiener Gespräche, obwohl in den bislang sechs Verhandlungsrunden Fortschritte erzielt worden« seien.

Der Chef des Berliner Auswärtigen Amts soll nun erklärt haben, er sehe »mit wachsendem Unbehagen, dass Iran einerseits die Wiederaufnahme der Wiener Atom-Gespräche verzögert und sich andererseits zugleich immer weiter von Kernelementen des Abkommens entfernt«. Zwar wolle man »eine Rückkehr zum JCPOA«, es sei jedoch »klar [..], dass uns diese Option nicht für immer offenstehen wird«.

Falls das tatsächlich eine Drohung sein sollte, ist sie kaum überzeugend. Das islamistische Regime hat selbst nach Einschätzung der »E3« mit seinen »Forschungs- und Entwicklungs- sowie Herstellungskapazitäten für Uranmetall« längst einen »wesentlichen Schritt zur Entwicklung einer Kernwaffe« gemacht. Mindestens das dabei erworbene Wissen wird den Mullahs niemand mehr nehmen können.

Und auch und gerade die »E3« haben durch ihr Appeasement, das bis heute andauert, dazu beigetragen, daß das Mullah-Regime mit dem Joint Comprehensive Plan of Action weniger weit entfernt ist von Kernwaffen als ohne das Abkommen. Der JCPOA hätte dabei durchaus Instrumente zur Verfügung gestellt, Teheran Grenzen aufzuzeigen: Nur wollte niemand den »Snap back«-Mechanismus aktivieren.

Und dieses Sanktionsinstrumentarium könnte durchaus noch eingesetzt werden, statt mit wolkigen Andeutungen »Drohungen« auszusprechen, die keine sind. Wer vom JCPOA überzeugt ist, sollte von dem Abkommen überzeugen: Nur einer der »E3«-Staaten müßte sich im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen der Verlängerung der Aussetzung internationaler Sanktionen gegen Teheran verweigern.

Das wäre ein Schritt, den das islamistische Regime nicht ignorieren kann, und es wäre einer, mit dem Skeptiker im Westen beeindruckt und womöglich überzeugt werden könnten. Doch genau davon schrecken insbesondere die »E3« immer wieder zurück, während Teheran sich »immer weiter von Kernelementen des Abkommens entfernt«. Es ist auch die Verzögerungstaktik Berlins, die so abstößt.

Verfallserscheinungen

Vor wenigen Wochen, am 29. Juni, fragte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder seinen Vize Hubert Aiwanger bei einer Pressekonferenz, weshalb er sich nicht habe gegen das Covid-19-Virus impfen lassen. Der so öffentlich Vorgeführte erwiderte, die Entscheidung darüber sei eine persönliche, »und die lautet eben, daß ich mich bisher nicht dazu entscheiden konnte, mich impfen zu lassen«.

Wollte Hubert Aiwanger nicht ausschließen, sich zu einem späteren Zeitpunkt immunisieren zu lassen, ist einen Monat später nicht der übergriffige Parteivorsitzende der CSU und Ministerpräsident Gegenstand breiter öffentlicher Aufregung, sondern, nachdem er seine Haltung bekräftigt hat, Hubert Aiwanger. Die Empörung hat Züge angenommen, die einer bürgerlichen Demokratie unwürdig sind.

Wird mancherorts dem Politiker »Verantwortungslosigkeit« vorgeworfen, wird anderswo bereits gefragt, ob seine Partei, die Freien Wähler, noch koalitionsfähig sei. Dabei hat Hubert Aiwanger tatsächlich nur ein paar Sätze gesagt, die jedenfalls in einer freiheitlich-demokratisch verfaßten Gesellschaft, die keine allgemeine Pflicht zu einer Covid-19-Impfung kennt, einfach nur Banalitäten betonen.

Gewiß, es gibt viele gute Gründe, sich für eine Immunisierung zu entscheiden: Auch wenn die Immunisierung »nur« einen schweren Krankheitsverlauf weniger wahrscheinlich macht, spricht das ja nicht wirklich gegen sie. Gleichwohl kann auch die Impfung mit Risiken verbunden sein – nicht ganz zu Unrecht steht vor jeder Impfung ein Gespräch mit einem Arzt, das nicht bloß eine Formalität ist.

Und wenn es keine Impfpflicht gibt, muß spätestens danach jedem erwachsenen Menschen zugebilligt werden, sich für oder gegen die Immunisierung zu entscheiden. So wenig Menschen sich rechtfertigen müssen, die sich impfen lassen oder dies wollen, sollten sich die erklären müssen, die das (noch) nicht tun. Schon gar nicht sollte jemand seiner Entscheidung wegen öffentlich angeprangert werden.

Freilich, in Zeiten, in denen selbst ein US-Präsident unhinterfragt den Millionen verunglimpfenden Verdacht streuen kann, »ungeimpfte Personen verbreiten das Virus«, ist die deutsche Hexenjagd auf Hubert Aiwanger wohl auch nur Ausdruck einer »neuen Normalität«. Mit demokratischen Zuständen, wie sie noch vor nicht langer Zeit selbstverständlich schienen, hat ein solches Klima aber nur wenig gemein.

Musteraktivist

Kürzlich meinten 160 aktuelle und ehemalige Stipendiaten verschiedener Förderprogramme der Europäischen Kommission, Brüssel dazu aufrufen zu müssen, jede wissenschaftliche Kooperation mit Israel einzustellen. Denn durch die Zusammenarbeit mit Einrichtungen in Israel und israelischen Akademikern mache die EU sich zur Komplizin angeblicher »Verbrechen« Israels an »Palästinensern«.

Einer der nach eigener Auskunft »besorgten« Unterzeichner des von der antisemitischen BDS-Bewegung verbreiteten Schreibens ist Todd Sekuler, den das Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin als wissenschaftlichen Mitarbeiter führt. Auch bei Twitter ist Todd Sekuler zu finden, wo er freilich nicht als ein Vielschreiber auffällt und schon gar nicht mit eigenen Gedanken.

Zwischen dem 10. und dem 21. Mai 2021 scheint der »besorgte« Boykott-Aktivist das soziale Netzwerk günstigenfalls passiv genutzt zu haben. Dabei fanden in diesem Zeitraum doch jene Auseinandersetzungen zwischen »palästinensischen« Menschenrechts- und Friedensaktivisten in Gaza und der blutrünstigen Soldateska Jerusalems statt, die die 160 Briefschreiber als Anlaß ihres Pamphlets benennen.

»Möglicherweise«, zitieren die Unterzeichner die einschlägig berüchtigte »NGO« Amnesty, begingen die Israelischen Streitkräfte dabei gar »Kriegsverbrechen« oder »Verbrechen gegen die Menschheit«. Doch auf Twitter schweigt Todd Sekuler beharrlich dazu. Offenbar konnte er sich nicht einmal zu einem Retweed aufraffen, einer Leseempfehlung, die seine Follower über die Untaten Israels aufklärt.

Elf lange Tage litten »Palästinenser« unter »Israels brutalem militärischen Angriff«, wurden sie zur Flucht gezwungen, verletzt oder getötet, wie es in dem Brief an die Europäische Kommission heißt. Doch im Twitter-Feed Todd Sekulers ist es, als hätte es das Leid nie gegeben. Am 2. Mai, als die Spannungen sich noch zuspitzten, vergnügte Todd Sekuler sich beim Glücksspiel um ein gewiß wichtiges Buch.

BDS-Sympathisanten sind die, in deren Namen sie aufzutreten behaupten, völlig gleichgültig: Die von der antisemitischen Bewegung vereinnahmte Schließung der SodaStream-Werke in den umstrittenen Gebieten bezahlten »palästinensische« Beschäftigte mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes und Einkommens. Der »besorgte« Todd Sekuler paßt mit seiner Twitter-Schweigsamkeit ganz in dieses Bild.

Deutsche Festspiele

Sorgten Covid-19-Pandemie und -Hysterie vor zwölf Monaten noch für einen kalten Entzug, konnten selbst verheerende Unwetter im Westen Deutschlands und deren katastrophale Folgen nicht verhindern, daß sich an diesem Wochenende wieder allerlei politische Prominenz in Bayreuth traf, um der Eröffnung der allein der Huldigung Richard Wagners gewidmeten dortigen Festspiele beizuwohnen.

Und während in Deutschland unter ihrer Aufsicht darauf hingearbeitet wird, sogenannte »Impfunwillige« zu stigmatisieren, auszugrenzen und ihnen Grund- und andere Rechte zu entziehen, huldigte in Bayreuth die deutsche Kanzlerin Angela Merkel einmal mehr – »endlich«, wie es ihr entfahren sein soll, wieder – einem Antisemiten, der die deutsche Musik von jüdischen Einflüssen »befreien« wollte.

In einem offiziellen Festjahr, mit dem 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gefeiert werden sollen, demonstrierten die Bundeskanzlerin, Ministerpräsident Markus Söder, der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer, der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans und zahlreiche weitere Vertreter der gewiß sehr deutschen Gesellschaft mit Anwesenheit und Applaus besonderen Humor.

Die Festspiele, ein »Marathon« des »Respekt[s] vor dem einzigartigen Schaffen Richard Wagners«, waren und sind Feiern des Antisemitismus, des Respekts vor einem »Genie von Weltrang«, dessen Schriften »das Scharnier« bildeten, »das die christliche Judenfeindschaft der Vergangenheit mit dem rassistischen Antisemitismus der Zukunft verband«. In Bayreuth waren Deutsche wieder ganz bei sich.